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Michael Schleicher
Der Schriftsteller
Teil I
Das Jägerhaus
„Sie haben doch einen Führerschein?“
fragte mich der Geschäftsführer des Literaturhauses Herr Klaus.
„Aber ja“, sagte ich. „Den habe ich.“
„Ihnen wird in der Zeit Ihres Aufenthaltes im Jägerhaus
ein Wagen zur Verfügung gestellt, damit Sie hier unten Produkte kaufen
können und so weiter…“
„Das klingt wunderbar!“ sagte ich. „Ist
es wirklich so einsam da oben?“
„Keine Menschenseele“, bestätigte der
Geschäftsführer stolz. „Keine Cafés und keine Lebensmittelgeschäfte.
Deswegen der Wagen. Aber Sie werden es gleich selbst sehen, ich fahre
Sie hin, noch bis es dunkel wird.“
„Und den Wagen? Den bekomme ich…?“
„Morgen nachmittags. Jemand von uns wird ihn zu
Ihnen hochbringen. Sonst bleibt alles wie abgesprochen: Sie bekommen monatlich
ein tausend Euro auf Ihr Konto überwiesen und haben drei Monate Zeit,
um Ihren Roman fertig zu schreiben. Wollen Sie damit übrigens gleich
anfangen? Ich meine – gleich morgen?“
„Ich denke schon. Morgen. Warum auch nicht morgen?
Letztendlich ist es mein Ziel.“
Von Anfang an hatte ich den leisen Verdacht, Herr Klaus
würde es einem Russen doch nicht zutrauen, einen Roman auf Deutsch
zu schreiben. Na ja, irgendwie konnte ich es nachvollziehen…
„Verstehen Sie mich nur nicht falsch“, Herr
Klaus lächelte ein wenig verlegen und betrachtete meine Reisetasche
in der Ecke. „Ich möchte auf keinen Fall aufdringlich sein.
Es ist einfach das erste Mal, das wir so ein Stipendium vergeben, und
wir haben noch keine Erfahrung in der Sache. Ich meine: Ob die Zeit wirklich
ausreicht?“
Tja, dachte ich, da bist du nicht der einzige, der seine
Zweifel hat.
„Ich gebe mein bestes“, sagte ich. „Ich
habe schon mal einen Roman in drei Monaten niedergeschrieben. Zwar auf
Russisch, aber inzwischen ist mein Deutsch soweit, dass ich es auch in
der Sprache machen kann, die Ihnen erwünschter ist. Und falls ich
nach zwei Monaten merke, dass ich es nicht mehr schaffe, werde ich auf
die schnelle einfach meinen russischen Roman ins Deutsche übersetzen.
Ich hab ’s sogar schon mal angefangen“.
Das hätte ich wohl lieber nicht gesagt: Herr Klaus
schaute mich ziemlich besorgt an, und ich dachte sogar, er würde
gleich aufstehen und sagen: „Mein lieber Herr Schleicher, damit
sind Sie durchgefallen und dürfen jetzt nach Hause fahren.“
„Es ist wirklich unglaublich schön da oben“,
sagte er traurig stattdessen. „Hoffentlich werden Sie auch etwas
davon in Anspruch nehmen können.“
Ich lächelte ihm so fröhlich und strahlend
zu, wie ich es nur konnte.
„Davon bin ich überzeugt!“
* * *
Selbst gegen meine eigenen Erwartungen fing ich noch
am selben Abend an zu schreiben. Die halbe Nacht saß ich in der
Küche, trank Bier und Kaffee durcheinander und schrieb. Nichts besonderes,
nur fliegende Teilchen, wie ich es selbst nenne: einmal gehörte Gesprächsfetzen,
halbe Situationen, im Zug ausgedachte Metaphern… Ich betrachtete
mein Spiegelbild im Fenster, hörte dem Wind zu, der wie ein riesiger
Löffel im schwarzen Tee der Nacht den Schnee umrührte, und fühlte
mich glücklicher, als je zuvor. Ich wusste, dass im Wohnzimmer nebenan
eine ganze Wand aus Büchern bestand und dass ich drei Monate Zeit
hatte, nur um zu lesen. Und um zu schreiben. Das ist doch ein sehr schönes
Gefühl, zu wissen, wozu man da ist…
* * *
Als ich am nächsten Tag aufwachte, lief ich –
so wie ich war, in Unterhose und mit ’m zerzausten Kopf –
zum Fenster und riss es auf.
„Wow“, sagte ich laut. „Verdammt noch
mal!“
Vor mir offenbarte sich eine hügelige Postkartenlandschaft
mit verschneiten Wäldern, Tälern und klingenden Bergen, die
teilweise schon mit abendlichem Rotgold bestreut waren. Während ich
in Deutschland am Nordufer mit seinem ständigen Herbst gelebt hatte,
sammelte sich in mir soviel Sehnsucht nach Schnee und einem echten Winter,
dass ich es beinah nicht mehr aushalten konnte. Vielleicht wäre ich
sogar zurück nach Russland gezogen: für immer oder nur für
ein paar Wintermonate, – wenn ich nicht diesen Preis gewonnen hätte.
Drei Monate in einem kleinen Städtchen irgendwo an der österreichischen
Grenze, im Jägerhaus, welches in den letzten Jahren vom Land ausschließlich
für bescheuerte Bürgermeister-Veranstaltungen genutzt worden
war und jetzt – jetzt nur mir allein gehörte.
Ich machte das Fenster wieder zu und ging in die Küche.
Während die Kaffeemaschine knurrte und den Kaffee ausspuckte, putzte
ich die Zähne und zog mich an. Dann nahm ich einen Becher dampfenden
Kaffee und ging nach draußen.
Die Sonne war noch relativ hoch, und vor der Tür
lag frisch erschaffener Schnee. Die Tannenbäume um den kleinen Parkplatz
herum trugen weiße Pelzmäntel, und irgendwo in ihren tiefen
warmen Ärmeln zwitscherten Vögelglöckchen. Das erstarrte
Land unter dem klaren Himmel und das leere Haus, an dem ich stand, ähnelten
den Ray Bradbury’s Kurzgeschichten, nicht geträumten Träumen
und – warum auch immer – meiner eigenen Kindheit.
Ziellos und ohne die Kälte zu spüren überquerte
ich ein paar Mal den Parkplatz, ging dann zur Ausfahrt und setzte mich
auf die Strasse direkt in den Schnee. Ich kreuzte die Beine buddhaweise,
zündete eine Zigarette an und nahm den ersten Schluck heißen
Kaffee.
Nee, Leute, dachte ich, ihr dürft euch damit abfinden,
dass ich heute kein einziges Wort mehr schreiben werde. Die schönste
Literatur ist sowieso diejenige, die jenseits von Bücherregalen bleibt.
Das hier – das kann man nicht beschreiben. Man darf es nicht einmal
versuchen…
Ich zog kräftig an der Zigarette.
…Obwohl man es als Künstler natürlich
trotzdem immer wieder versucht.
Unten bewegte sich durch das Tal eine weiße Nadel
mit einer roten Linie: Ein ICE-Zug fuhr in Richtung Norden, wo ich die
letzten zehn Jahre verbracht hatte. Ich begleitete ihn mit den Augen,
ließ den gemischten Rauch der Zigarette und des Kaffees zum Himmel
aufsteigen und dachte an nichts.
Genau in diesem Moment erschien am Ende der Strasse ein
roter Punkt.
Teil II
Bianka
Ich konzentrierte meinen Blick auf den Punkt und wartete.
Der Punkt vergrößerte sich, wurde zu einem roten Auto, der
Wagen verschwand zwei- dreimal hinter den Bäumen, kam letztendlich
zur Einfahrt und blieb vor mir stehen. Hinter der Windschutzscheibe erkannte
ich ein Mädchen. Sie lächelte mich an, hupte zwei Mal und stieg
aus dem Wagen aus.
„Hallo Schriftsteller!“ rief sie. „Na?
Lebst du noch?“
„Ich verwandle mich langsam in einen Schneekönig“,
sagte ich und stand auf, Schnee vom Hintern abklopfend.
„Ich heiße Bianka“, sagte sie und kam
näher.
„Michael“, sagte ich ein wenig unsicher.
„Ich weiß. Ich komm vom Literaturhaus. Wie
versprochen: mit unserem super Schrotty“, sie zeigte auf den Ford
Fiesta und lachte. „Es ist immer so verdammt kalt hier oben! Wie
hältst du es nur auf dem Schnee aus?“
„Ich bin doch ein Russe, ich liebe Schnee. Aber
lass uns doch reingehen. Ich habe eine ganze Kanne Kaffee gekocht, für
mich allein auf jeden Fall zu viel. Du trinkst doch Kaffee, oder?“
„Aber ja“, sagte sie. „Den trinke ich“.
Ich hatte plötzlich das Gefühl, dass ich das
hier schon mal erlebt hatte, aber es war gleich wieder vorbei. Natürlich
hatte ich es schon mal erlebt und bestimmt nicht nur einmal. Es war ja
auch nichts besonderes. Jedenfalls noch nicht.
Sie lächelte. Ihre Augen lächelten. Ich lächelte.
Wir gingen rein.
„Was machst du beim Literaturhaus?“ wollte
ich wissen.
Bianka wickelte ihren langen roten Schal los und legte
ihn auf den Tisch neben die Kaffeemaschine.
„Praktikum. Ich will im kommenden Herbst Veranstaltungsmanagement
studieren.“
„Und was sind deine Aufgaben dort? Abgesehen vom
Autofahren.“
„Alles mögliche. Briefe schreiben. Web-Seite
aktualisieren. Vor den Lesungen Stühle aufstellen. Nach den Lesungen
Getränke verkaufen.“
„Ein sehr einfallsreicher Job“, sagte ich.
„Ja, sehr einfallsreich“, sagte sie.
„Wie ist es eigentlich gedacht, Bianka: Wie kommst
du jetzt zurück, wo du den Wagen bei mir abgeliefert hast?“
„Na ja, Schriftsteller… Es ist so…
Leider muss ich dich enttäuschen, du kannst den Wagen nicht behalten.
Unser andere Dienstwagen ist gestern kaputt gegangen, und wir brauchen
jetzt Schrotty wieder. Aber ich werde zwei- dreimal in der Woche bei dir
vorbeischauen, und wir können dann zusammen einkaufen fahren oder
was auch immer du bei uns in der Stadt vorhast.“
„Hm“, sagte ich. „Ganz allein hier
in der Wildnis und ohne Möglichkeit abzuhauen? Will das Literaturhaus,
dass ich hier im ewigen Schnee verrückt werde?“
Sie überlegte und lachte auf:
„Du bist doch ein Russe!“
„Na super!“ Sagte ich beleidigt.
„Außerdem könnte ich auch öfter
hierher kommen, wenn ich im Literaturhaus nicht so viel zu tun habe. Wenn
es dir recht ist selbstverständlich.“
„Das klingt schon viel besser!“ Sagte ich.
„Natürlich ist es mir recht! Nicht jeden Tag sieht man so eine
schöne Praktikantin.“
„Die wirst du auch nicht jeden Tag sehen.“
Sagte sie und lächelte.
* * *
Unser Leben ist manchmal so ziemlich einfach und berechenbar.
In dem Augenblick, als ich Bianka zum ersten Mal im Wagen
gesehen hatte, wusste ich gleich, dass ich mit diesem Mädchen mit
lächelnden pfiffigen Augen zusammen sein werde. Nicht für lange,
natürlich nicht, – aber trotzdem… Und in dem Augenblick,
in dem wir in der Küche saßen und die Kaffeekanne fast geleert
hatten, wusste ich auch, dass sie gerade dasselbe denkt. So etwas passiert
ab und zu, nicht oft, aber manchmal. Das hat nichts mit der Liebe auf
den ersten Blick zu tun. Und auch nichts mit purem Sex und One-Night-Stands.
Es ist etwas mehr und etwas weniger, liegt irgendwo dazwischen und doch
nicht an derselben Geraden.
Wir schwiegen. Ich sah sie an. Sie sah mich an. Und uns
beide betrachtete durch das Fenster der angebrochene Abend. Es fing wieder
an zu schneien, und die Schneeflocken flogen am Fenster vorbei und verschütteten
die trüben Tannenbäume, das Gelände um den Parkplatz und
den roten Ford Fiesta.
„Bianka…“ sagte ich, und meine Stimme
bekam an der Stelle einen kleinen ungewollten Riss.
Die Winde wehten rings um den Hügel und zerrten
das Haus in die Luft, zogen uns in den dunklen schneeverstopften Himmel,
in den Punkt über der Erde, wo sich der riesige unsichtbare Wirbel
dreht, welcher von dem im Kreis umherrasenden Löffel geboren wird.
„...Wirst du heute noch irgendwo erwartet?“
„Nein“, sagte sie traurig und nahm sich eine
Zigarette aus meiner Schachtel.
Ich blickte ihr in die Augen und erkannte sie nicht wieder:
Jetzt sah ich in ihnen ein weites Land, einen Fluss zwischen kalten Buckeln,
einen einsamen Reiter, der am Fluss entlang der untergehenden Sonne nachreitet.
Ich wollte sie fragen, ob etwas los sei, konnte es aber
nicht wirklich formulieren und zündete ihr stattdessen die Zigarette
an. Wahrscheinlich hatte sie schon genug One-Night-Stands gehabt.
* * *
Vor einer Ewigkeit, als ich klein war und ein Zuhause
hatte, gab es bei uns auf der Straße einen Abzählreim:
Auf der goldnen Treppe saßen:
Der Zar und der Zarewitsch,
Der König und der Königsohn,
Der Schuster und der Schneider,
Bist du von ihnen einer?
Es ist nur ein Abzählreim, der beim Versteck spielen
benutzt worden war, aber er ist auch Etwas, was trotz der vergehenden
Zeit in Erinnerung bleibt. Je älter man wird, desto stärker
erinnert er sich an diese Abzählreime seiner Kindheit. Und je älter
ich selbst werde, desto öfter frage ich mich vor allem: Wer bist
du auf jener goldenen Treppe? Bist du überhaupt irgendwo darauf?
Oder vielleicht darunter? Was hast du erreicht, indem du nach Deutschland
verzogen bist? Wen hast du damit glücklich gemacht? Deine Eltern?
Wenigstens eine einzige Frau vielleicht? Bist du selbst glücklich...
Die Fragen, mit denen ich schon so lange und so leichtsinnig spiele und
meine Zeit wie mit dem Schnee verschütte.
Ene mene muh…
* * *
Bianka blieb jene Nacht bei mir und fuhr am nächsten
Morgen zur Arbeit, ließ mich meine Winterträume zu Ende träumen.
Die nächsten Wochen im Jägerhaus fingen an,
sich aufzulösen und Tag für Tag zu zergehen. Ich vergaß
meinen Laptop in der Reisetasche im Flur und schrieb ununterbrochen in
den Moleskine-Notitzbüchern, fast ohne die Berge hinter den Fenstern
wahrzunehmen und fast ohne nachzudenken. Oder ich saß auch im Wohnzimmer
und las irgendein Buch, um es mitten im Absatz plötzlich zurück
ins Regal zu schieben und mein eigenes wieder Zeile für Zeile aus
der Dunkelheit herauszunehmen.
Abends kam aus der Stadt Bianka und brachte Bier, Cashew-Kerne
und manchmal auch eine Packung Kaffee mit. Ich aß einmal pro Tag
richtig und zwar abends, mir ihr zusammen, in dem kleinen Städtchen
unter den österreichischen Hügeln. Sonst futterte ich die Cashew-Kerne
aus der Dose. Dies war die beste Methode, etwas Gutes zu schaffen: Man
musste nur auf etwas warten, was keine Enttäuschung bringen konnte.
Und Bianka enttäuschte mich auch nicht, obwohl sie seinerzeit in
einem gewissen Sinne doch recht hatte: Ich sah sie wirklich nicht jeden
Tag – bloß jeden Abend.
Manchmal stürmte sie ins Haus herein und holte mich
aus einem nicht vollendeten Satz heraus; manchmal kam ich ihr schon zur
Ausfahrt entgegen, und vor dem Essen gingen wir spazieren. Wir liefen
herum wie zwei Verrückte, sie beschmiss mich mit Schneebällen,
lachte wie ein Kind, schnäuzte wie ein Füchschen und sah aus
wie eine Mittelklasseschülerin, die mit ihrem roten Schal und ihrem
roten Mützchen das Rotkäppchen spielte. Als ich diese Steigerung
der Vergleiche nicht mehr aushalten konnte, fing ich Bianka, warf in den
Schnee und küsste sie warm. Oder kalt – abhängig davon,
wie sie drauf war…
„Wie geht es deinem Roman?“ fragte sie mich
einmal, als wir unten in der Stadt in einem Café saßen. Eine
dunkle Ecke, zwei Tassen Cappuccino, ein Aschenbecher, ein schwuler Kellner,
der ab und zu in unsere Richtung lächelte.
„Ganz gut. Ich hätte selbst nie gedacht, dass
ich zu so etwas fähig wäre. Er ist schon fast fertig. Bleibt
nur noch das Eintippen. Na ja, das dauert bei mir fast genau so lange.
Ich schreibe dabei fast alles wieder um, bis ich irgendwann glaube, es
sei jetzt vollkommen.“
„Also wirst du deinen russischen Roman nicht ins
Deutsche übersetzen?“
„Nein. Das hatte ich auch nie vor. Aber woher weißt
du das überhaupt?“
„Mein Opa hat es mir gesagt. Er war sich übrigens
nicht so sicher, dass du es schaffen würdest. Das mit dem Roman…“
„Der Geschäftsführer des Literaturhauses
ist dein Opa?!“ Ich machte große Augen. „Na das ist
ja ein Ding!“
„Ja“, sagte sie. „Ist ein Ding…“
Ihre Augen wurden auf einmal wieder dunkel und undurchsichtig,
wie ein Wintersee. Seltsam, dachte ich. Warum ist sie manchmal nur so
traurig? Kann es sein, dass sie noch einsamer ist, als ich es bin? Oder
ist es nur meine eigene Fantasie und meine eigene Traurigkeit, die ich
in ihren Augen wie im Spiegel sehe?…
Teil III
Snegurotschka
Einmal saßen wir in Schrotty an der Einfahrt zum
Jägerhaus, und die großen Schneeflocken sahen aus wie fallende
Sterne. Ein Bild wie aus dem Traum eines Meteoritenforschers: der Himmel
voller fallender Sterne. Meine Zeit im Jägerhaus war fast um, und
immer öfter dachte ich an die Nordsee und an weiße Wellenkämme
am Frühlingsstrand. Durch die Windschutzscheibe sah ich meinen eigenen
Traum und vergaß Bianka...
„Worum geht es eigentlich in deinem Roman, Schriftsteller?“
fragte sie.
„Schwer zu sagen. Ehrlich gesagt konnte ich nie
beschreiben, worum es in meinen Geschichten geht. Bin eben kein guter
Erzähler. Bloß ein Schriftsteller.“
„Und wenn du nachdenkst?“
Ich kehrte in die Gegenwart zurück und dachte nach.
„Es geht um ein Mädchen… Na ja, so wie
immer“, ich lächelte. „Es ist aber kein gewöhnliches
Mädchen, sondern Snegurotschka. Ein Schneemädchen. In Russland
heißt der Weihnachtsmann Ded Moroz – Opa Frost. Und er hat
eine schöne kleine Enkelin Snegurotschka. So wie der Geschäftsführer
des Literaturhauses eine schöne Enkelin hat“. Ich lächelte
wieder, Bianka blieb aber ernsthaft und hörte zu. „Na ja, es
geht also darum, dass sie sich in einen ganz gewöhnlichen Kerl verliebt
und aus dem Wald zu ihm in die Stadt zieht. Und der strenge Opa Frost
bleibt im Wald allein. Und dann… Ach weißt du was? Am besten
liest du den Roman selbst, wenn er fertig ist, ich kann nicht erzählen.“
„Ich will die Geschichte aber jetzt hören“,
sagte sie und schaute mich mit ihren großen dunklen Augen an. „Vom
Anfang bis zum Ende.“
Und ich erzählte ihr die ganze Geschichte doch.
Ich konnte Bianka nicht widerstehen, weil ich beinah spürte, wie
uns mit jedem Glas Scotch, jeder Dose Cashew-Kerne und mit jeder vollendeten
Seite täglich die Zeit durch die Finger rann. Wir saßen in
Schrotty, ließen den Motor laufen und kleine Meteoriten auf der
Motorhaube schmelzen, und ich erzählte Bianka die Geschichte von
Snegurotschka und von der Rache des russisch-deutschen Santa Klaus, die
Geschichte, die an dem Abend die Tannenbäume, Schrotty und die Sterne
im frostigen Himmel erhörten, die Geschichte, die ich während
der einsamen Tage im Jägerhaus geschrieben hatte, die Geschichte,
die ich schon zwei Wochen danach bei Herrn Klaus ablieferte, der mich
in seinem großen weißen Wagen zurück zum Literaturhaus
brachte. Oder fast die Geschichte…
Um ehrlich zu sein, gab ich Herrn Klaus den Speicher-Stick,
auf dem ein anderer Roman gespeichert war, mein russischer Roman nämlich,
den ich im letzten Monat im Jägerhaus auf die schnelle übersetzt
hatte.
„Noch eine Frage, Herr Klaus“, sagte ich,
bevor ich das Literaturhaus für immer verließ. Herr Klaus packte
gerade meinen ausgedruckten Roman in einen verdächtig bodenlosen
roten Aktenkoffer. „Ist Ihre Praktikantin gerade noch im Hause?“
„Welche Praktikantin?“ Herr Klaus machte
den Aktenkoffer zu und sah zu mir.
„Na Bianka. Das Mädchen, das Veranstaltungsmanagement
studieren will.“
„Hm…“ Der Geschäftsführer
schaute mich verwirrt von seinem Tisch herauf an. „Wir haben hier
keine Praktikantin, Herr Schleicher. Nur einen Praktikanten, und der ist
gerade abwesend.“
„Das kann aber nicht sein“, ich lächelte
ziemlich blöd und fühlte, wie mir die Kehle austrocknete. „Ich
meine Ihre Enkelin Bianka, sie haben doch eine Enkelin…“
Herr Klaus zog die weißen Brauen finster zusammen.
„Ich weiß nicht, woher Sie solche Informationen
haben. Es tut mir leid, aber ich habe keine Enkelin.“
„Aber sie ist doch mit Schrotty… Sie war
doch bei mir… Mit Schrotty…“Mit einemmal war meine Stimme
wie ein klirrendes Glas. Ich biss mir in die Lippe und sagte: „Es
ist schon gut, Herr Klaus. Ich hab wohl was verwechselt. Auf Wiedersehen.“
„Auf Wiedersehen, Herr Schleicher. Kommen Sie gut
nach Hause. Sie haben doch ein Zuhause?“
„Aber ja“, sagte ich. „Das habe ich.“
* * *
Und dann war ich wieder im Zug. In einem ICE, der in
Richtung Norden fuhr, wo ich die letzten zehn Jahre verbracht hatte und
wahrscheinlich die nächsten zehn, zwanzig oder dreißig Jahre
verbringen werde.
Ein irgendwo in Europa verlorener Schriftsteller, der
sein russisches Märchen in der deutschen Sprache schreibt, weil er
seine eigene Sprache inzwischen vergessen hatte. Einer, der, wo es nur
möglich ist, Gedankenpunkte setzt – als Platz für das
Unbeschreibbare, weil jene Märchen – die traurigsten und die
schönsten dieser Welt – natürlich nicht mit einem Kugelschreiber
aufs Papier gebracht werden können…
Ich grinste.
Der im Jägerhaus geschriebene Roman war immer noch
bei mir. Teilweise eingetippt, teilweise noch in den Moleskine-Notitzbüchern
versteckt – fertig, aber noch nicht vollkommen. Ich behielt mein
kleines Wunder, in das ich auch Bianka miteingezogen hatte, bei mir. Schließlich
sind Wunder dafür da, um manchmal doch behalten zu werden.
Ich guckte durchs Fenster.
Der Zug fuhr mich durch das aufgetaute Tal. Um das Tal
herum standen Berge, dessen Schneespitzen schon mit abendlichem Rotgold
bestreut waren. Ich ließ meinen Blick kurz durch die Postkartenlandschaft
wandern und entdeckte auf einem der Hügel in der Ferne das Jägerhaus.
Das Haus mit der knurrenden Kaffeemaschine in der gemütlichen Küche
und mit einer Wand im Wohnzimmer, die aus Büchern bestand.
In wenigen Sekunden verschwand es hinter den Spielzeugtannenbäumen,
und nur im letzten Augenblick bemerkte ich auf der Waldstraße, auf
dem Halbweg zur Stadt, einen kleinen roten Punkt. Es war Schrotty, dort,
wo ich ihn heute Morgen abgestellt hatte.
Ich packte meinen Laptop aus der Reisetasche aus und schaltete
ihn ein.
„Ich schreib noch ein bisschen“, sagte ich.
„Na gut. Dann hol ich mir einen Kaffee aus dem
Automaten“, sagte Bianka und stand auf. „Möchtest du
auch einen?“
2006
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