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Michael Schleicher
Der Zug aus Birkendorf
Ich erzähle alles so, wie es geschehen ist. Natürlich nicht
um die Menschheit zu warnen: Die Vögelein singen hinterm Fenster,
die Fische tummeln sich im Brunnen, und meine Mädels machen in der
Küche Frühstück – irgendwelche Warnungen interessieren
mich hier einen Dreck! Hier, wo ich mich jetzt befinde…
Ich erzähle alles, nur weil ich früher immer
etwas erzählt habe. Ich war damals ein Schriftsteller. So nannte
mich jedenfalls ein Kumpel von mir. Er war selbst ein Dichter.
Er war so wie ich – dreiundzwanzig. Lang, mager.
Blond wie ein junger Arier. In der Höhe etwas knapp bemessen, dafür
aber fett wie ein Sumo-Ringer. Dunkelhaarig und mit einem großen
Ring in der Nase. Ich scheiß einfach auf sein Aussehen! Das hat
mit der ganzen Geschichte offensichtlich wenig am Hut. Und besonders mit
dem, wie sie ausgegangen ist. Genauso wenig wie die Tatsache, dass er
ein Dichter war. Jedenfalls habe ich in der Geschichte kein System und
keine Regeln erkannt, nach denen man sich orientieren könnte. Wahrscheinlich
hat sie einfach keine.
Was zählt, ist, dass wir damals Hilfsarbeiter gewesen
sind. Wir waren junge Emigranten und haben also die Arbeit ausgeführt,
für die die deutsche Stammbevölkerung nicht mehr bereit war.
Uns aber machte schon der Gedanke froh, dass wir überhaupt einen
Chef hatten.
An einem wunderschönen Julimorgen teilte uns dieser
Chef strahlend mit, wir seien an die Birkendorfer Filiale der Firma verwiesen
worden. Immer noch strahlend wie ein Atompilz übergab er die Sache
seinem Stellvertreter, der uns an demselben Morgen mit dem Dienstwagen
nach Birkendorf brachte. Zurück sollten wir mit dem Zug fahren.
Birkendorf… Keine Ahnung, wie dieser Name für
ein Ohr klingt, welches sich in der deutschen Sprache nicht auskennt.
Etwa so wie Berlin und Düsseldorf zusammengestöpselt? Gut wär’s!
Allerdings liegen mir all die sprachlich-mentalen Unterschiede inzwischen
so was von im Magen! Oder um genauer zu sein, liegen sie mittlerweile
nicht mal da. Die Suche nach Ähnlichkeiten und Differenzen ist mir
längst egal geworden. Besonders deshalb, weil ich schließlich
das bekommen habe, wovon ich geträumt hatte: Dort, wo ich jetzt bin,
kann es keine Ausländer geben und somit auch weder Sprachen, noch
Ähnlichkeiten, noch Differenzen.
Gott, Birkendorf! Was für ein Loch das war! Ich
habe es noch nie erlebt, dass eine Filiale so eines anständigen Unternehmens
an so einem nichts tauglichen Ort platziert wäre. Allerdings hatte
Gott damit wohl wenig zu tun, falls es ihn überhaupt einmal gegeben
hatte. Ich denke aber eher, es gab ihn nie. Dies hab ich bereits in der
Schule bei den Klassenarbeiten gemerkt. Und natürlich ist es auch
nicht seine Schuld, dass ich jetzt dort bin, wo ich jetzt bin. Wie gesagt,
es gibt keine Regeln.
In diesem Dorf gab es nicht einmal einen Bahnhof, geschweige
denn Einkaufsläden oder irgendwelche Restaurants. Nach dem zehnstündigen
Arbeitstag im Büro und einer schlecht durchgebackenen Handpizza im
Betriebscafé begaben wir uns deshalb auf die Suche nach der nächsten
Zughaltestelle. Die Mitarbeiter im Büro sagten, sie befände
sich zwei Kilometer von der Dorfgrenze entfernt, die Chaussee entlang.
Wir hatten es nicht geglaubt und hatten darin Recht: Wir mussten fast
eine Stunde lang auf dem Fahrradweg laufen, am Ufer des Asphaltflusses,
auf dem Mercedes- und Motorradschwärme vorbeirasten. Und dann erreichten
wir etwas, was man nur mit einem zugedrückten Auge einen Bahnhof
nennen konnte. Jedenfalls war es eine Station, an der die Züge Halt
machten.
Und gleich sahen wir das Hinterteil eines Zuges: Die
Reihe roter Würstchen war gerade dabei, schneller zu werden und sich
zum Horizont hin zu verdrücken. Als wir zum Fahrplan kamen, stellten
wir allerdings fest, dass es nicht unser Zug war. Sie fuhren hier viermal
am Tag: zwei davon hin und zwei zurück, und der abgefahrene Zug fuhr
gerade dorthin, wo es für uns „zurück“ heißen
würde.
Wir machten uns auf den Weg zum Fahrscheinautomaten am
anderen Ende der Halle, um Tickets zu kaufen. Erst hatte ich zwar vorgeschlagen,
schwarz zu fahren, aber mein Kumpel meinte, es wäre ein schlechtes
Zeichen, am ersten Tag am neuen Arbeitsplatz beim Schwarzfahren erwischt
zu werden. So kamen wir näher und sahen, dass der hiesige Fahrscheinautomat
ein wenig anders war, als die Automaten an den herkömmlichen Bahnhöfen.
Vielmehr ähnelte er den Überweisungsterminals in den Banken:
zwar mit Öffnungen für Münzen und Scheine, aber auch mit
einer Buchstaben-Tastatur. Wir tippten den Namen unserer Stadt ein. Auf
die Frage: „Ist Ihre Eingabe korrekt?“ antworteten wir mit
„Ja“, stopften einen Zwani ins Loch und kriegten dafür
das Wechselgeld und zwei Fahrscheine, je sechs Mark fünfzig: Birkendorf
– Schleswig.
Wir hatten noch vierzig Minuten bis zur Zugankunft und
entschlossen uns, sie auf dem Bahnsteig zu verbringen. Eine Alternative
hatten wir nicht: Am Bahnhof gab es weder ein Café, noch einen
Zeitungsstand. Es war nicht mal irgendein kleiner heruntergekommener Blumenladen
zu sehen. Solche Stationen gibt es nun mal auf dem Lande, und man kann
da keinen Snickers und keine Dose Cola kaufen, um den Durst nach aktivem
Handeln zu löschen. Durch den Fußgängertunnel kamen wir
auf den leeren Bahnsteig. Die Sonne brannte vom Himmel herunter. Auf der
einen Seite des Bahnsteigs hinter den Gleisen stand ein Wald, auf der
anderen der Bahnhof. Aus himbeer-roten Ziegelsteinen gebaut und ohne Fenster
schien er von hier aus ein halbeingestürzter Holzschuppen einer verlassenen
Ritterburg zu sein. Nur ohne Burg.
Wir zogen die Westen und Hemden aus und legten uns zuerst auf die Holzbänke.
Vor der Sonne vergehend. Als der Tabak in unseren Zigaretten ausgegangen
war, standen wir wie auf Kommando auf und fingen an, auf dem Bahnsteig
auf der Suche nach Wundern umherzustreifen. Und eines davon hat sich uns
bald offenbart.
Es war ein Ameisenhaufen im Blumenbeet. Eigentlich gab
es hier schon lange kein Blumenbeet mehr (vielleicht war es auch nie da?),
stattdessen aber einen Ameisenhaufen an Stelle des Blumenbeetes. Und die
Ameisen liefen in einer Karawane zum Rande der Plattform, wo sie in den
tiefen unbegreiflichen Abgrund hinunterstiegen. Und dann wieder zurück.
Trugen etwas mit sich. Oder liefen mit leeren Händen. Aber wenn sie
unbeladen waren, meinten sie damit vermutlich auch Etwas.
Von den Sonnenstrahlen und dem rustikalen Vakuum im hohen
Himmel hatte sich langsam unsere Stimmung verbessert, und wir fingen an,
uns nun mit den Ameisen zu beschäftigten. Unser Spiel bestand hauptsächlich
darin, ihnen den Pfad zu versperren, damit sie die vor Jahrzehnten gebahnten
Wege nicht mehr laufen konnten. Vorsichtig, um die kleinen Viecher nicht
zu zerdrücken, stellten wir unsere Füße mitten auf ihre
doppelseitige Autobahn und grinsten, als wir sahen, dass sie langsam verrückt
wurden und zurückkehrten. Wir beschlossen dann, dass diejenigen,
die nach Hause zurückgekehrt waren, früher oder später
eine neue Strasse verlegen würden. Die Anderen aber, die in den Abgrund
hinter der Plattform gestiegen waren, – die würden nie wieder
den Weg nach Hause finden können. Die armen Ameisen, dachten wir
und hörten mit diesem Spiel auf.
Bald war unser Zug gekommen, und auch wir fuhren nach
Hause.
So reisten wir die ganze restliche Woche durch: mit dem Dienstwagen des
Stellvertreters nach Birkendorf und mit dem Zug nach Hause, wobei wir
jeden Tag die Fahrkarten bei dem komischen Automaten kauften. Interessant
war, dass der Zug fast immer leer ankam, es gab nicht mal einen Schaffner
drinnen. Nur ein Mal sahen wir das Gesicht einer alten Dame in dem an
uns vorbei gerasten ersten Wagon und ein Mal einen üppigen Mann mit
einem teueren Aktenkoffer, der gleichzeitig mit uns in einen der letzten
Wagons einstieg. Wo die beiden namenlosen Personen der nicht genannten
Romane hinfuhren, kann ich immer noch nur raten.
Am Samstag sagte ich:
„So… Wir haben fünfhundert Mark pro
Mann verdient, jetzt können wir in Hamburg sicher ein wenig davon
verprassen“.
Und dann kauften wir Fahrkarten „zurück“.
Birkendorf – Hamburg, achtzehn Mark dreißig
das Stück.
Und kamen nach Hamburg.
Wir spazierten die Reeperbahn entlang, tranken ein paar
Bier in einer Table Dance Bar und besoffen uns schließlich zusammen
mit Studentinnen aus der Graduate School in ihrem Wohnheim, wobei wir
den Styx in einer Nacht ein Mal hin und ein Mal zurück überquerten.
Und am Montag passierte etwas Unerwartetes, was der Grund
davon war, dass diese beschriebenen Papierfetzen entstanden. Eigentlich
war die Kette von Ursachen und Folgen bestimmt viel länger und komplizierter,
als ich es mir sogar vorstellen kann, aber letztendlich schreibe ich aufs
Papier. Und am Anfang war das Wort. Und das Wort war vom Chef. Und der
Chef sagte „Schluss“.
„Jungs, entschuldigt, aber so wie es aussieht,
gibt es bei uns keine Arbeit mehr für euch“, sagte er nachmittags
am Telefon. „Also kommt heute Abend gegen sechs wegen der Abrechnung,
okay?“
Wir hatten uns ein wenig geärgert, kamen aber schnell
wieder zu uns. Wenn man so arbeitet, wie wir damals, weiß man nie,
wann der Job zu Ende ist und man aus dem Büro (dem Laden, dem Restaurant,
der Tankstelle) wieder auf die Strasse gesetzt wird. Deswegen war es eigentlich
schon eine gewöhnliche Sache. Letzten Endes war auch an dieser Stelle
alles klar, deutlich und auswendig gelernt. Es wurde Zeit, sich etwas
Neues und Unerprobtes zu suchen, zum Beispiel eine Stelle in einem Hotel
an der Ostsee oder das Auspacken von Hundefutter in einem Tierheim. So
dachten wir, wobei wir schleppend die restliche Arbeit im Büro erledigten,
die angebrannte Pizza im Betriebscafé kauten und den Radweg entlang
gingen, neben dem die Mercedesse und Hondas um Pferde wetteiferten. So
dachten wir und stellten uns inzwischen vor, wie wir die schwarzen Westen
gegen blaue Arbeitskittel oder blutige Metzgerschürzen austauschen
würden, als wir beim Bahnhof eine ganze Stunde früher als sonst
ankamen.
Was sollten wir denn tun?! Die Ameisen jagen? In der
Sonne liegen und Zigaretten rauchen? Blöd die milchige Weite angucken,
die über den Gleisen pulsierte? Den Gleisen, welche ins Nichts flüchteten
und am Rande des Daseins zu einem zitternden Pfeilchen wurden. All das
hatten wir schon mehrmals gemacht, jeden Tag. Vierzig Minuten lang. Auf
den Zug wartend…
Natürlich war es der Fahrkartenautomat, der unsere
Aufmerksamkeit auf sich zog. Erst haben wir uns damit beschäftigt,
die Preise nach Berlin, Stuttgart oder Basel ausrechnen zu lassen. Wir
tippten die Namen ein und der Automat zeigte auf dem kleinen Bildschirm:
„Birkendorf – München. DM 123,60“. Uns fiel nicht
mal ein, dass die Anzahl der Umsteige-Stationen auf dem Monitor ständig
gleich null war und Züge nach München in Birkendorf eigentlich
nichts verloren hatten. In zehn Minuten wurden wir ziemlich dreist und
gaben dem Automaten eine neue Rechenaufgabe, wobei wir als Punkt B „New
York“ eintippten. Erst dann verstand der dumme Metallklotz, dass
er sich hoffnungslos in Lügen verstrickt hatte, zwinkerte mit dem
Bildschirm und zeigte uns: „Birkendorf – New York. DM 00,23“.
Ich weiß nicht, was für Assoziationen durch
den poetischen Kopf meines ehemaligen Kumpels in dem Moment zogen. Kann
ja sein, dass er als Kind zu viel Gorki gelesen hatte. „Die Stadt
des gelben Teufels. Erzählungen über New York“. Das Jahr
1906… Auf jeden Fall sagte mein Kumpel plötzlich, eher zur
Wand mit der Cola-Werbung, als zu mir:
„Was passiert denn eigentlich, wenn man „Hölle“
eintippt?“
„Die Batterien gehen wohl aus“, sagte ich.
„Lass uns gucken!“.
Und er tippte ein. Und der Automat zeigte:
„Birkendorf – Hölle. DM 4,20“.
Wir lachten uns fast zu Tode. Beschlossen danach aber,
je eine Fahrkarte zu nehmen: ein mal in die Hölle und ein mal ins
Paradies. Es war sowieso unser letzter Tag in Birkendorf, und jedes verdammte
abergläubige Zeichen hätte auf uns inzwischen keine Wirkung
mehr gehabt. Außerdem war auf dieser Zweigbahn kein Kontrolleur
weit und breit zu sehen, und falls einer doch noch aufkreuzen sollte,
würden wir uns für dumm verkaufen und meinen, wenn solche Karten
verkauft werden, müssen sie wohl auch echt sein. Ich meine, letztendlich
muss es ja auch so eine Station geben, deren Name auf den Fahrschein gedruckt
wird. Und wenn die Fahrkartenautomaten an den Bahnhöfen der Deutschen
Bahn so bescheuert sind, sind daran auf keinen Fall die Fahrgäste
schuld, die sie benutzen.
Die Fahrkarte ins Paradies kostete drei Mark achtzig.
Über den Tunnel kamen wir auf den Bahnsteig mit
den rosa-gelben Scheinen in den Taschen. Mein Kumpel hatte den Fahrschein
in die Hölle und ich den ins Paradies. Genauso wie vor einer Woche
brannte die Sonne herunter, und wir zogen wieder unsere Westen aus und
legten uns auf die Holzbänke. Irgendwo im Wald lachten Vögel,
und hinterm Bahnhof lief der täglich-sinnlose Wettbewerb um die Pferde.
In der Ferne, wo die Gleise hinliefen, strömten ineinander Luftschichten,
von oben nach unten und von unten nach oben. Im Himmel bewegte sich eine
Wolke, die wie ein weißer Flügel aussah, und die Ameisen gingen
in den Abgrund hinter der Plattform – und auch zurück.
Als der Zug ankam, standen wir auf und begaben uns zur
Tür. Ich war schon drinnen, als meinem Kumpel etwas einfiel und er
wieder zurück rannte: Er hatte seine Weste auf der Bank liegen lassen.
Und stieg dann in den nächsten Wagon ein.
An der Stelle wird es allmählich sinnlos, die Erzählung
fortzusetzen. Der imaginäre Leser hat wohl den Braten bereits selbst
gerochen.
Natürlich habe ich meinen Kumpel im Zug nicht gefunden. Natürlich
werden wir uns nie mehr wieder sehen. Weil er nämlich mit seiner
Karte gefahren ist und ich mit meiner und weil es nirgends die Fahrkarten
zurück zu kaufen gibt. Denn unser Weg führte im Grunde genommen
schon immer nur in eine Richtung.
Ich landete dort, wo ich an der erst besten Station ausstieg,
und wurde von den Mädels abgeholt, die eine Sprache sprachen, von
der ich zuvor nicht einmal gehört hatte. Jedenfalls, ich verstehe
sie und sie verstehen mich.
Es ist mir eigentlich ziemlich egal, wer oder was sie
sind, diese Mädels, die mir morgens Frühstück machen und
nachts wegen ihrer Flügel nicht auf dem Rücken schlafen können.
Es ist mir egal, wo ich hier bin und was mich in der Zukunft erwartet.
Mich quälen ganz andere Fragen.
Zum Beispiel wo wir angekommen wären, falls mein
Kumpel seine Weste nicht vergessen hätte? Vielleicht wären wir
einfach in Schleswig ausgestiegen und hätten an jenem Abend die Verrechnungsschecks
beim Chef abgeholt? Aus der Sicht der Theologie wäre es vollkommen
akzeptabel.
Oder wohin die beiden Passagiere fuhren, die wir im Zug
gesehen hatten? Ob wir bis New York für dreiundzwanzig Pfennig fahren
konnten? Warum mein Fahrschein ins Paradies billiger war, als seiner in
die Hölle? Und wo ich gelandet wäre, falls ich „Glück“
anstatt „Paradies“ eingetippt hätte: hier oder vielleicht
ganz woanders?
Aber die allerwichtigste Frage, die mich nachts beunruhigt,
wenn ich schweißgebadet im riesigen Bett aufwache, mich aus den
Armen der Mädels befreie und in die Küche zum Rauchen verziehe,
klingt so:
„Wo wären wir angekommen, wenn wir schwarzgefahren
wären?“
8 – 9 Oktober 1999, 2005
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