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Michael Schleicher
Die personifizierte Analyse
der Macht
„Macht“, sagte Patrick, als wir die Aufnahme fürs Kieler
Literaturtelefon machten. „Das Thema der nächsten Vorlesung
ist Macht. Sonst bist du völlig frei“.
Na toll, dachte ich. Wie in der Schule: Müder Wintermorgen,
ei-gelbe Laternenfleckchen im bereiften Fenster, grüne Schulbänke…
Aufsatz. Thema. Note. „Das Komische im künstlerischen Schaffen
Tschechows.“ „Da gibt es nichts Komisches. Da ist alles nur
traurig.“ „Setzen. Sechs.“
„Ich bin nicht mit dabei“, sagte Patrick.
„Als Kassenkraft und Zuhörer. Verkaufe die Eintrittskarten“.
Patrick ist wichtiger als ich, zog ich daraus die Schlussfolgerung.
Ohne seine Arbeit wäre die von mir viel weniger von Bedeutung. Falls
meine schriftstellerischen Anstrengungen überhaupt einen Sinn machen
und eine Bedeutung im künstlerischen Schaffen dieser Welt haben.
Patrick verkauft die Eintrittskarten. Er hat also die Macht. Die Macht
des Geldes in einem geschlossenen Raum einer Kurzgeschichten-Veranstaltung.
Geld. Ist es das? Das, was uns glücklich macht,
uns das Gefühl der Geborgenheit verleiht, uns von den Lasten der
Realität befreit? Mit Sicherheit ja! Ich liebe Geld, keine Frage.
Ich liebe es als Designer, ich liebe es als Mensch, ich liebe es selbst
als Schriftsteller. Mit Vorbehalt, dass ich dafür weder hart schuften,
noch blutig kämpfen, noch sterben möchte. „Gerechte Umverteilung
des Geldes!“ schreit man auf den Strassen. An das ehrliche Verteilen
glaube ich aber auch nicht. In der Geschichte hat es noch nie funktioniert.
Die Linken haben keine Ahnung.
Das Geld sollte mich auch lieben. Rein platonisch versteht
sich. Denn ich will dafür nicht gefickt werden, dachte ich im ICE
von Hamburg nach Berlin und verstand plötzlich, dass ich momentan
dennoch nichts anderes tue, als wegen des Geldes vor die Hunde zu gehen.
Tag für Tag, Nacht für Nacht, die letzten fünf Jahre. Ja,
das hat genau im Jahr 2000 angefangen. War wohl das Millennium schuld.
Meine kleine persönliche Apokalypse.
„Wenn sie alle nicht können, dann müssen
wir wohl die ganze Veranstaltung absagen“, sagte inzwischen mein
Sitznachbar in sein Handy. Er hatte ein sehr schönes Hemd, passende
Krawatte und ein nervöses Zucken im Gesicht.
Ich sah mich im ICE-Wagon um. Saubere stilechte Menschen
mit Laptops, teuerer Kleidung und einem krankhaften Tick – entweder
außen oder innen. Oder gleich beides. Medizinisch nicht mehr behandelbar.
Die Spuren der Liebe eben. Ich wandte mich zum Fenster und betrachtete
die riesigen postsowjetischen DDR-Felder, die mit 240 km/h in die Geschichte
rasten.
„Sie müssen den Zement unterbringen, die Stahlplatten
unterbringen...“, murmelte in sein Handy ein anderer Mitfahrer irgendwo
hinter meinem Rücken. „Das Glas muss im ersten Obergeschoß
gelagert werden. Die Röhren…“
Das hat im Jahr 2000 angefangen. Als ich einerseits mit
der Ausbildung zum Mediengestalter anfing und andererseits mit einem Kumpel
eine Werbe- und Designagentur gründete. 16-Stunden-Arbeitstag eines
Doppelagenten. Wenn man aus der Zukunft in die Vergangenheit schaut, ist
das nämlich der Ort, an dem ich die Suche nach dem kleinen Bach meiner
Einsamkeit anfangen könnte, genau hier wurde er zum See.
„Einsamkeit?“ fragt ihr überrascht und
laut.
„Ja, Einsamkeit“, antworte ich geduldig und
leise. „Und die ei-gelben Laternenfleckchen sind ihre Zeugen“.
Obwohl ich noch nicht weiß, was ich damit anfangen
könnte, möchte ich früher oder später den Punkt in
meinem Leben auffinden, zu dem der kleine Bach hinflutet und verkehrt
rum vor sich hin murmelt. Wenn man natürlich aus der Zukunft in die
Vergangenheit schaut.
Wir mieteten ein heruntergekommenes zweistöckiges
Haus und renovierten es genau sechs Monate lang mit der Absicht, für
uns somit die coolsten Arbeitsplätze in der Gegend zu schaffen. Als
wir mehrere Tausende von Mark in diese dunkle, nasse, einstürzende
Leere gepumpt hatten, kam uns eines Tages der erfrischende Gedanke, dass
wir das nie fertig kriegen würden, ohne noch mindestens 50 Riesen
zu investieren – die wir schlicht und einfach nicht mehr hatten.
Das war der Tag der bösen Erkenntnis, und die strahlende Sonne im
Himmel glich auf einmal einer spottenden Comicfigur aus der Welt der reichen
amerikanischen Finanzmänner. Wie Ratten verließen wir das halbrenovierte
und doch sinkende Haus und fanden ein kleines nettes Büro fast im
Zentrum von Kiel, in dem wir später allerdings noch mehr Schulden
machen durften…
Die Frau hieß Sieglinde N. Eigentlich war sie eine
gelehrte Prophezeierin und Heilpraktikerin. Für mich bloß eine
Kundin, für die ich für ein paar hundert Euro CD-Cover gestaltete
und Newsletter programmierte, um damit wenigstens die Telefonrechnungen
der Agentur bezahlen zu können.
Interessant war ihre Einstellung zum Design. Na ja, nicht
zum Design (dazu hatte sie gar keine Einstellung), sondern eher zur Abnahme
der ausgeführten Designaufträgen. Sie machte es nämlich
ausschließlich per Telefon.
„Legen Sie bitte Ihre Entwürfe auf den Tisch.
Wie viele haben Sie? Zwei? Legen Sie die rechte Hand drauf. Auf den linken…
Und jetzt auf den rechten… Ja… Mir gefallen beide. Aber ich
würde den linken wählen. Und nehmen Sie dieses Blau daraus.
Das ist mir zu kühl. Machen Sie es in Grün. Ja, so wird es gut
aussehen, nicht wahr?“
„Natürlich. Sie haben recht“, nickte
ich mit dem Kopf.
„Können Sie bitte die Dateien heute noch an
die Druckerei schicken? Danke. Und gehen Sie zum Arzt. Sie haben einen
roten Fleck im Bereich des Herzens“.
Das witzige daran war, dass die beiden Entwürfe
von vorn herein ein Bild mit Bäumen beinhalteten und in saftigen
Gelb und Grün gehalten waren.
Die Kundin hatte eine Ich-AG, und das Unternehmen hieß
offiziell „Die Macht der Gedanken“. Geld spielte in dem Fall
offensichtlich auch eine gewisse Rolle. Aber die Hauptrolle wurde hier
wohl den Gedanken überlassen.
Was auch immer das heißen mag.
Aus irgendeinem Grunde vermeide ich seit Jahren die Gesellschaft
von Macht habenden Menschen. Besonders dann, wenn es um meine Gedanken
geht. Ob das eine richtige Strategie ist, bin ich mir immer noch nicht
sicher, jedenfalls war ich damals auf weitere Zusammenarbeit mit der Sieglinde
nicht scharf, was mir beim ersten persönlichen Treffen mit ihr mehr
oder weniger nicht absichtlich rausrutschte. Sie zum Glück auch nicht.
Nach zwei Jahren haben wir endlich angefangen, mit Werbung
und Design Geld zu verdienen. Einer der ersten guten Aufträge war
der von der PISA-Studie. Broschüren, die in ganz Deutschland unter
Schülern und ihren Eltern verteilt wurden, 70.000 Exemplare, einige
Tonnen Papier und viel Stress mit der Druckerei. Das Titelblatt wurde
mit einem krassen Grünstich gedruckt, was aber dem Druckerzeugnis
letztendlich sogar Plus-Punkte verlieh. Außerdem hat PISA Broschüren
für das Lehrpersonal bestellt und Postkarten, die bei manchen getesteten
Schülern wahrscheinlich immer noch in irgendeiner Tischschublade
verstauben. Das war die bedeutendste Spur, die unsere Agentur in der Geschichte
des deutschen Designs hinterlassen hat. Gleich danach haben wir geschlossen.
Aus persönlichen Gründen. Vermutlich war daran der rote Fleck
im Bereich meines Herzens schuld.
In den nächsten zwei Jahren habe ich meine Ausbildung
zum Mediengestalter abgeschlossen, ein halbes Hundert Web-Seiten gestaltet,
drei von meinen russischen Kurzgeschichten ins Deutsche übersetzt,
bin zwei Mal in Russland gewesen, drei Mal innerhalb von Kiel umgezogen,
habe in einer Werbeagentur gearbeitet, die zwei Monate nach meiner feierlichen
Einstellung pleite ging, und letzten Endes in Berlin in einem großen
russischsprachigen Zeitungsverlag als Web-Designer gelandet.
Berlin. Die Bars des Prenzlauer Berges. Der Scotch im
Treptower Park unter dem sowjetischen Soldaten, den ich zuvor nur in den
sowjetischen Geschichtsbüchern gesehen hatte. Die ersten Zeilen in
der U-Bahn. Die letzten Minuten vor dem Sonnenaufgang in den Nacht-Clubs.
Die Stützen der Macht in den gläsernen Gebäuden mit riesigen
runden Löchern. Beispiele des kitschigsten Designs Deutschlands.
Die Luft riecht nach Freiheit und Ungleichheit.
„Macht?“ sagt begeistert mein Freund, bei
dem ich derzeitig in Berlin wohne. „Macht ist immer mit Sex verbunden.
Wer Macht hat, hat immer die geilsten Frauen…“
„Das stimmt“, erwidere ich und zünde
mir eine Zigarette an.
Der Gedanke bringt uns aber nicht weiter, und eine Stunde
später sitzen wir immer noch im „Kaffee Burger“ und trinken
unseren Whiskey. Die geilsten Frauen gehen zusammen mit anderen Männern
hinaus in den schimmernden Morgen. Wir haben wohl keine Macht…
Mein jetziger Chef. Ein echter Boss. Keiner der 300 Mitarbeiter
rührt auch nur eine Hand, ohne die Genehmigung von ihm dafür
zu bekommen. Die Angst den Arbeitsplatz zu verlieren verstärkt sich
dadurch, dass die meisten Mitarbeiter in diesem Unternehmen die einzige
Chance sehen, überhaupt einen Job zu haben. Sehr schwierig, unter
diesen Umständen etwas Innovatives einzuführen. Allein die Zustimmung
für die Struktur der neuen Firmenwebseite muss ich bei einem halben
Dutzend Menschen holen. Und das letzte Wort hat trotzdem der Chef. Man
kriegt immer zu spüren, wer der Boss ist.
Da gibt es aber eine Frau. Natürlich eine Frau!
So Mitte dreißig. Ich weiß nicht, was sie in dem so genannten
früheren Leben in Russland machte, aber hier hat sie, so wie es aussieht,
auf jeden Fall einen interessanten Job. Ich habe allerdings nicht herausgekriegt,
was genau in ihrem Vertrag steht. In einer deutschen Firma würde
so etwas möglicherweise Putzkraft heißen. Oder etwa Veranstaltungsassistentin?
Hier hat dieser Arbeitsplatz keinen eindeutigen Namen. Auf jeden Fall
darf sie jederzeit ins Chefbüro, was keiner anderen Seele gestattet
ist, nicht mal dem Klitschko-Manager, der neulich eine Stunde lang im
Wartezimmer Däumchen drehte.
Die Frau flanierte die ganze Stunde lang hin und her:
ins Büro des Chefs, mit einer leeren Kaffeetasse heraus und in die
Küche, dann mit einer Zuckerdose wieder aus der Küche ins Büro.
Und das alles ohne ein Wort zu sagen oder einen Blick den Wartenden zu
würdigen. Mit dem Ausdruck der unzweideutigen Übermacht im schönen
jungen Gesicht. Beim Kaffeeautomaten erwischte sie zur gleichen Zeit einen
der Zeitschriften-Redakteure und hielt ihm eine Moralpredigt darüber,
dass er wieder mal seine Firmentasse irgendwo stehen ließ und Kaffee
aus einem nicht erlaubten Plastikbecher trank. Der Redakteur wartete gehorsam,
bis sie fertig war, und ließ dabei die Ohren herunter wie ein Straßenhund.
Eine ganz andere Firmenphilosophie, eine völlig
andere Macht, die sich hier grotesk und mächtig ausdehnt und nicht
den Richtigen zufällt. Obwohl… Wer sind denn schon die Richtigen?
Gab es sie wenigstens ein Mal in der Geschichte? Die Rechten haben ja
auch keine Ahnung.
Das ganze Unternehmen – eine einzige Show! Bedürfte
vielleicht sogar einen gesonderten Manuskript mit hübschen lyrischen
Intermezzos. Ein Zirkus mit Wölfen und Schafen. So toll, dass ich
mich am liebsten an den Eingang hinstellen würde, um Eintrittskarten
zu verkaufen. Um dann mit dem gewonnenen Geld nach Prenzlauer Berg abzuhauen
und im „Kaffee Burger“ lächelnd meinen Scotch zu trinken…
Denn das einzige, was jeder von uns will, ist Freiheit.
Und das einzige, was Freiheit begrenzt, ist Macht. Die Machthabenden haben
womöglich noch weniger Freiheit, als diejenigen, die gar keine Macht
besitzen. Weil die Ersteren an der Macht eben dichter sind.
Die Stützen des Staates und die Macht der Verschwendung,
die Heilpraktikerinnen und die Macht des Geldes, die großen Bosse
mit ihren kleinen Schwächen und die Macht des Sexes, die armen unbekannten
Künstler und die Macht der Gedanken. Die letzteren gefallen mir am
besten, weil sie nicht so aufdringlich sind. Noch mehr gefallen sie mir,
wenn sie damit aufhören, Kunst zu produzieren und gar zu denken.
Noch ein Schritt in die richtige Richtung.
Falls ihr also in zehn Jahren nichts von mir hört,
heißt es, dass ich von zwei grünen Entwürfen den blauen
gewählt habe und barfuss zum Nordpol gegangen bin, um an die Grenzen
der öden menschlichen Mächte anzukommen. Um zu prüfen,
welche und wessen Mächte sich dahinter befinden… Allerdings
brauche ich noch ein Weilchen, bis ich soweit bin. Noch mehr Geschichten.
Noch mehr Rauch- und Rauschwolken in den Berliner Bars. Oder vielleicht
einfach eine zweite persönliche Apokalypse…
Wie es auch immer sein mag… Der Bach meiner Einsamkeit,
der mittlerweile zum See wurde, flüstert zu mir und beruhigt meine
Sinne. Die ei-gelben Laternenfleckchen im Schulfenster meiner Kindheit
sind immer noch meine treuen Zeugen. Müder Wintermorgen. Aufsatz.
Thema. Und keine Note. Weil ich hoffe, dass es dort, wo wir hingehen,
keine Noten gibt.
Eigentlich genau so wie keine Aufsätze.
18 - 24.04.2005
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