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Michael Schleicher
Eine kleine deutsche Geschichte
1.
Ich? Ich bin ein Russe.
Sie? Sie war eine Belgierin.
Ort der Kampfhandlungen – Antwerpen.
Deren Zeit spielt keine Rolle.
Eine amüsante Geschichte, soweit eine deutsche Geschichte
amüsant sein kann. Soweit eine Geschichte mit einem Russen und einer
Belgierin in den Hauptrollen als deutsch bezeichnet werden darf.
Sie sagte, sie studiere an der Uni. Daran hab ich nie
geglaubt.
Ich hatte damals einen interessanten Job, Entwicklung
von Corporate Designs und PR-Strategien. Manchmal wusste ich selbst nicht,
was das genau bedeutet, und sie – sie hat daran auch kaum geglaubt.
War mir recht so. Ich entwickelte Firmenzeichen und Webseiten, sie dachte,
ich spioniere für den KGB. Der beste Anlass für eine Liebesbeziehung.
In meinem deutschen Pass stand zwar, mein Wohnsitz sei
eine Stadt im Norden Deutschlands, aber in Wirklichkeit lebte ich außerhalb
des Landes und meistens sogar außerhalb von mir selbst. Ich weiß,
das hört sich ziemlich flach an. Aber wie soll ich das sonst erklären?
Meine Gefühle waren damals genau so miteinander verbunden wie die
europäischen Territorien. Keine deutlichen Grenzen. Kein einheitlicher
Gedankenkern, den man mein „Ich“ nennen könnte. Ich blicke
aus dem Fenster des Autos, mit dem ich von Frankreich nach Belgien fahre,
und sehe auf einmal: Ein Haus mit einem eingestürzten Dach. Und ich
weiß nicht mal, ob das noch ein französisches oder schon ein
belgisches Haus ist. Und dann – dann verstehe ich, dass ich in dem
Haus einmal gewohnt habe. Irgendwo in der Ukraine, am Schwarzen Meer,
wo ich mit einem Freund Fisch schmuggelte. Und in dem Augenblick fällt
mir ein, was ich einem meiner Kunden (einem frisch gegründeten Finanzierungsunternehmen)
als Logo verkaufen würde. Einen Fisch natürlich! Der Ozean der
Finanzen eben…
Damit es ein bisschen deutlicher wird, setze ich die
Zeit der Kampfhandlungen doch ein: das Jahr 2000. Anfang des Tages. Sommer.
2.
Sie saß am Fenster in der Ecke: kastanienbraunes
Haar bis zu den Schultern, Augen eines erschrockenen Rehs, die Wimpern,
die Nase – alles so wie ich’s mir vorgestellt hatte. Die Sonne
war gerade auf die Antwerpener Straßen hinausgegangen, und das Mädchen
(ich nenne sie alle „Mädchen“, schöne Frauen sind
immer Mädchen bis sie auf einmal Omas werden) – das Mädchen
beobachtete die Sonnenflecken, die im Fensterglas plätscherten.
Ich schritt drei Stufen hinunter zur Theke, nahm zwei
Tassen Cappuccino und ging zu ihrem Tisch.
„Moin“, sagte ich, setzte mich ihr gegenüber
und stellte eine Tasse vor sie hin. “Sprichst du zufällig Deutsch?“
„Ja“, sagte sie und schaute mich neugierig
an.
„Ich bin Michael“, sagte ich.
„Hallo Michael“, sagte sie. „Ich heiße
Jenny“
„Und, Jenny? Was machst du hier?“
„Ich sitze da und warte, bis jemand kommt und mich
mit einem Kaffee beschert“.
Ich trank einen Schluck. Der Cappuccino war von bester
Qualität. Fast eine Regel hier in den kleinen westeuropäischen
Cafés. Sehr angenehm.
„Wartest du immer in diesem Café?“
fragte ich.
„Mal hie mal da“, mit der Hand zeigte sie
unbestimmt in die Ausgangsrichtung. „Alles hängt von der Sonne
ab“.
Sie lächelte. Ich sah kurz zum Fenster.
„Danke für den Kaffee“, sagte sie.
„Nicht dafür. Kriegst du jeden Tag einen?“
„Nicht immer und nicht immer nur Kaffee. Und eigentlich
ist es auch ganz prima, wenn ich nichts kriege. Ich gehe dann nach Hause
essen. Ein wenig traurig ist es schon, aber laut Oscar Wilde gibt es nichts
Schöneres als Traurigkeit“.
„Möchtest du vielleicht etwas essen?“,
fragte ich.
„Ein paar Brötchen mit Jam. Und einen Milchshake
vielleicht“.
Sie lächelte so bezaubernd schön...
Die Sonnenflecken sprangen um uns herum so leichtsinnig...
Und mein erster Tag in Belgien fing überaus hoffnungsvoll
an.
Ich bemerkte, dass sie ein paar Sommersprossen auf der
Nase hatte. Was ich sehr passend fand.
Wir frühstückten gemeinsam und sie erzählte
mir, was es in der Stadt zu sehen gab. Das alte Schloss am Kanal, die
Passage voller Gold- und Juwelenläden, die privaten Kunstgalerien
und den Zoo natürlich. Kurz bevor wir aufstanden und in die sonnige
Stadt hinausgingen, fragte sie:
„Was bist du eigentlich von Beruf?“
„Ich mache Menschen glücklich, wobei ich ihnen
praktisch nur Kinderzeichnungen verkaufe“, mit einem Lächeln
ließ ich meinen Zigarettenstummel in einem großen bodenlosen
Aschenbecher am Tisch verschwinden.
„Und ich studiere an der Uni“, sagte sie.
3.
Wir erinnern uns an sehr viele Sachen. Ich weiß
zum Beispiel, dass eine Dose russischer gezuckerter Kondensmilch bei „Sky“
in Deutschland zwei Mark sechzig kostet und bei „Sky“ in Dänemark
zwölf Kronen. Und ich weiß noch, wie viel die alte Frau für
ihre Pilze wollte, die sie mir vor ein paar Jahren an der transsibirischen
Autobahn verkaufen wollte. Dreißig Rubel der Eimer. Aber ich mag
keine Pilze und hab’ nie welche gekauft, weder bei der Frau noch
sonst irgendwo. Genau so wie die russische gezuckerte Kondensmilch.
Und ich weiß auch noch, wie der ukrainische Polizist
hieß, der uns beim Fischschmuggeln beinahe festnahm. Er hatte ’ne
Kanone und wir nur die langen geräucherten Fische. Am Anfang unseres
Gesprächs stellte er sich nach allen Regeln vor, am Ende lag er auf
dem Boden, Hände über dem Kopf, Beine auseinander. Mein Kumpel
hatte seine Kanone und wir beide ziemlich wenig Zeit, um zu verschwinden.
Hauptmann Juschtschenko hieß er.
Dafür, dass wir den Kopf mit irgendeinem Scheiß
auffüllen, können wir uns an wichtige Sachen nicht mehr erinnern.
Immer wieder vergesse ich die Geburtstage meiner Eltern und Freundinnen.
Das heißt nicht, dass der Name eines Polizisten mir wichtiger ist,
als der Geburtstag meines Mädchens. Es sieht aber so aus, und das
macht mich wahnsinnig und traurig zugleich. Ich weiß nicht mehr,
wann Jenny Geburtstag hatte. Irgendwann im Frühling, wenn mein Gedächtnis
noch nicht ganz entkräftet ist. Ich möchte es genauer wissen.
Obwohl ich ihr zum Geburtstag sowieso nicht gratulieren kann. Nur so,
damit ich vielleicht ein bisschen sicherer bin, dass es sie gab. Zahlen
sind die Dinge, die uns zivilisierte Menschen beruhigen. Wir haben Adressbücher,
Notizblöcke, Computer, Rechtsanwälte, den Staat, die ganze verstockte
ausgedachte Welt um uns herum. Eigentlich nur dafür und deswegen,
dass wir immer etwas Wichtiges vergessen. Aber wir haben's immer im Kopf:
die Dose Kondensmilch zwei Mark sechzig, der Eimer Pilze dreißig
Rubel.
4.
„Heute ist ein ganz verrückter Tag!“
sagte sie.
„Scheint mir auch so zu sein“, sagte ich.
Wir waren im Schloss, in der Straße mit Gold- und
Juwelenläden, in den privaten Kunstgalerien und natürlich im
Zoo. Im Schloss küssten wir uns, lachten in der Goldstraße
über die orthodoxen Juden, die wie Raben aussahen, mussten in den
Galerien immer aufs Klo und beobachteten im Zoo Schimpansen, die sich
ohne Rücksicht auf die Kinder begeistert befruchteten.
„Lustig“, sagte sie und sah mich an.
„Mein Hotel ist gegenüber vom Bahnhof“,
sagte ich...
Als wir Hunger bekamen, war es schon ziemlich dunkel
in Antwerpen. Wir zogen uns an und gingen hinaus. Wir stiegen in dasselbe
Café hinunter, in dem wir uns morgens getroffen hatten, drei Stufen,
der Tisch in der anderen Ecke: Der Tisch vom Morgen war besetzt. Wir hatten
unser erstes Abendessen.
„Morgen früh muss ich was erledigen“,
sagte sie, als die Kellnerin Wein brachte.
„Ich auch. Eigentlich sollte ich schon heute bei
ComTEL auftauchen. Macht aber nichts, sie sollen sich dort nicht allzu
sehr freuen, die ganze Arbeit schaffe ich sowieso in einer Woche. Es dauert
morgen nicht lange, ich werd’ hier auf dich warten“.
Sie guckte nachdenklich an die Decke und runzelte die
Stirn. Ich rauchte. Die Kellnerin kam mit dem Essen.
„Ich komme gegen Mittag“, sagte Jenny endlich
und fing an zu essen.
Ich lächelte.
„Trinken wir mal auf uns“.
„Okay“, sagte sie.
Wir tranken und aßen. Und dann fragte sie auf einmal:
„Fährst du in einer Woche fort oder was?“
Ich verschluckte mich fast. Daran hatte ich selbst noch
nicht gedacht.
„Ja. Sieht so aus“, sagte ich.
„Schön“, sagte sie.
Ich verschluckte mich beinahe zum zweiten Mal.
„Findest du das wirklich schön?“
„Was soll’s? Wenn du weg musst, dann musst
du weg. Ich dachte nur, das würde ein wenig länger dauern“.
„Ich auch. Weißt du was, ich denke mir schon
etwas aus, vielleicht bleibe ich doch noch länger“.
„’s ist schon in Ordnung“, sagte sie.
Ich knirschte mit den Zähnen. So was Ähnliches
hatte ich schon mal gehört. Und ich hatte nie gewusst, was ich dazu
sagen sollte.
„Schläfst du heute bei mir?“ fragte
ich nur.
„Was denkst du denn?“ antwortete sie. „Wir
haben schließlich nur diese eine Woche“.
5.
Am nächsten Tag ging sie als erste aus dem Hotel
und sagte zum Abschied mit einem Lächeln:
„Grüß deine KGB-Leute von mir!“
Antwerpen war eine der Städte, in denen man das
ständige, fast kindliche Gefühl eines nahen, sehr möglichen
Treffens hatte, des romantischsten, traurigsten und doch glücklichsten
im Leben. Gleich – in einer Minute, in einem Augenblick –
im dunklen Gang zwischen den Häusern mit ihren stufig endenden Frontons,
unter der bronzenen Statue eines mittelalterlichen Generals, auf dem Platz
vor der Kirche der Geliebten Frauen. Oder einfach im Laden, wo ich Batterien
für meine Kamera kaufte. Überall in solchen Städten habe
ich das Gefühl, dass ich sehr bald und ganz zufällig den kleinen
Teil des allgemeinen Wunders treffen würde, der mein Leben in eine
ganz andere Richtung laufen ließe.
Ich machte mich auf den Weg zu ComTEL, wo ich den Auftrag
hatte, dringend das Corporate Design zu relaunchen. Die sonnigen Straßen,
die lächelnden Menschen, die farbigen Dächer, die im bodenlosen
Himmel mit ihren Antennen forschten. Genau so bodenlos und blau wie der
Himmel war das Glücksgefühl, das mit mir zusammen durch die
Stadt wanderte. Ich mag es so, glücklich zu sein.
Das Gebäude meines Auftraggebers war eines der höchsten
in Antwerpen und der Chef war einer der angenehmsten Menschen, denen ich
je begegnet war. Alles lief super, die Formalitäten wurden schnell
erledigt und um elf saß ich schon im Café mit einem Laptop
und blätterte im Typoatlas, um eine entsprechend moderne und klare
Schrift auszuwählen. Das Motiv fürs Logo fiel mir noch nicht
ein und ich ließ es für später. Gegen eins kaufte ich
per Internet eine schöne Schriftfamilie von Linotype und hatte erste
Ideen zur neuen Webseite. Ich bestellte etwas aus der Mittagskarte und
das dritte Bier. Mein Stift fiel auf den Boden, ich beugte mich danach
und als ich mich wieder aufrichtete, sah ich sie.
Im Sonnenlicht stand sie in der Tür und suchte mich
mit ihren Augen des erschrockenen Rehs. Kastanienbraunes Haar bis zu den
Schultern, die Wimpern, die Nase. Ich verstand plötzlich, was für
ein Logo ich machen würde. Das beste Logo aller Zeiten.
6.
„Ich werde nie mehr in dem Café warten“,
sagte sie am Mittwoch.
„Warum?“, fragte ich am Donnerstag.
„Es ist furchtbar, hier rumzusitzen und zu warten,
wo ich doch ganz genau weiß, dass du nicht kommst“, sagte
sie am Freitag.
„Ich ruf dich an“, sagte ich am Samstag.
„Sei bitte nicht traurig. Und weißt du was, ich glaube, wir
werden uns noch mal sehen. Letzten Endes ist Deutschland nicht so weit
und ich komme wieder. Dann sehen wir, was wir weiter machen können.
Wollen wir jetzt los? Du wolltest mir irgendeinen Wald zeigen“.
„Einen Park“, sagte sie.
Damals dachte ich wirklich, ich würde wiederkommen.
Dabei merkte ich nicht einmal, dass ich keine Adresse von Jenny hatte
und keine Telefonnummer. Ich würde nicht sagen, dass ich kein Glück
mit Frauen hatte. Ich fürchte nur, sie hatten immer kein Glück
mit mir. Aber genau deswegen fühle ich mich selbst immer öfter
irgendwie unglücklich.
Ich bin wahrscheinlich nichts weiter als ein Ideengenerator.
Alles, was ich gut finde, schlucke ich wie eine Müllverbrennungsanlage
und verarbeite es in Kinderzeichnungen. „Gib mir die Namen und ich
erstelle die restliche Welt!“ – so der Slogan auf meiner Webseite.
Natürlich war ich seitdem nie mehr in Antwerpen.
Und sogar wenn ich dorthin fahren würde, würde ich Jenny höchstwahrscheinlich
nicht treffen. In dem Café ist sie nicht mehr und ich habe weder
eine Adresse noch eine Telefonnummer.
Es gibt nur eins, was mich beruhigt: Ich schenkte ihr
das Beste, was ich schenken konnte. Das große Haus mit dem gläsernen
Dach, in dem die Sonnenflecken wie in einem Wasserbecken plätschern.
Die Buchstaben ComTEL hoch im blauen Himmel. Und das Firmenlogo darüber:
das lächelnde Gesicht von Jenny, gezeichnet mit zehn leichten orangefarbigen
Strichen. Das beste Logo für ein kundenfreundliches Telefonunternehmen.
Am Sonntag fuhr ich weg. Sozusagen nach Hause. Und bis
zur deutschen Grenze dachte ich an ComTEL, an das Café am Bahnhof,
an Oscar Wilde und an die Tiefen der Traurigkeit. Ich überlegte,
ob die Traurigkeit nur bodenlos sein könnte wie das Glück, oder
womöglich noch tiefer. Zum Beispiel wie ein schwarzer Aschenbecher
am Tisch in einem kleinen verlorenen Café. Und ich dachte an das
Wetter. Und an Jenny. Natürlich an Jenny…
An der Grenze nahm ich die falsche Ausfahrt von der Autobahn
und verpasste den Moment, in dem Belgien zu Deutschland wurde. Die Woche
endete im Regen und in der Nähe von Stuttgart musste ich übernachten.
In einem kleinen Hotel mit dunklen Wänden und einem miesen Frühstück.
Irgendwo hier nimmt auch meine kleine deutsche Geschichte
ein Ende. Eine so kurze Geschichte. Vielleicht sogar zu kurz und ohne
den Kern, der eine Geschichte überhaupt zur Geschichte macht. Wir
erinnern uns an sehr vieles und vergessen dabei auch sehr viel. Vielleicht
habe ich einfach den wichtigen Kern vergessen. Genau deswegen bin ich
jetzt in Deutschland und sie... Ehrlich gesagt, weiß ich gar nicht,
wo sie jetzt ist...
Mal hie mal da. Alles hängt nur von der Sonne ab.
25_27 Juni 2001
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