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Michael Schleicher
Im Regen
„Schreib ja nichts böses über uns, junger Mann!“
sagte zu mir der dicke Penner, der bisher am Fenster gesessen und sich
mit seinem heutigen Kumpel unterhalten hatte.
Ich machte eine unbestimmte Geste und schrieb in meinem
Notizbuch weiter.
„Schreib ja nichts böses über uns!“
wiederholte der Mann.
„Werde ich ganz bestimmt nicht“, sagte ich
und guckte ihn mir genauer an.
Er war so um die fünfundfünfzig, mit dreckigen
Haaren und einer länglichen Glatze. Fett, durchgeschwitzt und total
besoffen. Ein echter Penner also, der in diesem oder in einem ähnlichen
Döner-Laden jeden Abend seine paar Wodkas mit Bier einsaugte und
somit irgendwie den Tag abschloss.
Ich hatte gerade seine Aufmerksamkeit geweckt, weil ich
am Tisch nebenan schweigend irgendwas geschrieben hatte.
„Eine schöne Schrift hast du da“, sagte
er. „Meine ist gar nicht so schön“.
„Tja“, sagte ich nur und starrte ihn weiter
an.
„Hör mal zu, was ich dir sage. Ich kann dir
soviel erzählen, dass du ein Buch schreiben kannst. Ich habe soviel
zu erzählen, du kannst es dir gar nicht vorstellen“.
Er fing an, an seiner Flasche zu lutschen. Das dauerte
ein Weilchen.
„Was denn zum Beispiel?“ fragte ich ungeduldig.
„Na zum Beispiel…“ er dachte nach,
drehte sich wieder zu seinem Bier, dann wieder zu mir: „Zum Beispiel…“
Ich hörte ihm zu. Er überlegte sich etwas,
aber der Alkohol hatte das Seine schon getan: Dem Mann fiel nichts weiter
ein. So wie all den Pennern, die meinen, ein tolles Leben gehabt zu haben,
aber sich schnell zurückziehen, wenn man sie danach fragt.
Ich wollte mich schon wieder meinem Notizbuch widmen,
aber der Mann lebte plötzlich nochmals auf.
„Ich liebte sie!“ schrie er fast. „Ich
liebte sie und sie liebte mich!“
Ein guter Anfang, dachte ich, weiter so!
Aber weiter kam nichts.
„Vergiss es“, sagte der Mann. Dann wandte
er sich wieder seinem Bier zu, trank es in einem Zug aus, schlug mit dem
Kopf gegen den Tisch und schlief ein. Seine Zigarette rauchte verlassen
im Aschenbecher.
Tja, dachte ich, der Anfang war aber wirklich toll.
Hinterm Fenster sprühte es. Die Regentropfen fielen
von der Markise auf zwei kleine Tische draußen. Die nassen Laternen
guckten verloren in die Gegend. Um die Laternen herum schimmerten kleine
goldene Nadeln auf. Ein Wagen fuhr vorbei.
In fünf Minuten kam der Besitzer.
„Wach auf, junger Mann! Wach auf, mein Freund!“
rief er mit starkem türkischen Akzent und klatschte dem alten Mann
freundlich gegen den Rücken.
Mein besoffener Gesprächspartner wurde halbwegs
geweckt und hinausgeführt. Ich sah zu, wie er sich nach allen Zick-Zack-Regeln
die mit Wasser aufgefüllte Strasse entlang vom Laden entfernte.
Ich blieb allein…
Als ich sechzehn war, dachte ich mir ein Mädchen
aus. Ein schönes unschuldiges Ding, 1,60 groß, so um die 45
Kilo leicht.
Es waren Sommer, Sonne und Schulferien. Ich hatte keine
Freundin, meine Eltern waren in Urlaub gefahren und ich war ganz mir selbst
überlassen. Eines Morgens stand ich auf und sie war da.
Wir kochten uns Kaffee und frühstückten zusammen
in der sonnendurchfluteten Küche, am Fenster mit Aloe Vera im Topf.
Ich fragte sie, was sie so alles machte, und sie fragte mich, was ich
so alles machte. Wir beide hatten zu dem Zeitpunkt noch nicht sehr viel
gemacht, weil wir beide zu dem Zeitpunkt erst sechzehn waren. Aber wie
es in dem Alter eben oft so ist, hatten wir viel gemeinsam. Schule, Noten,
Eltern, Filme, Rock-Musik, Science-Fiction-Romane, die Küche meiner
Eltern, die Aloe Vera im Topf, diesen einen Traum für zwei.
Ich beschloss sie mit meinen Freunden bekannt zu machen,
und nach dem Frühstück gingen wir die Treppe hinab und auf die
Straße. Die Straße prallte uns mit hupenden Autos und heißer
Luft entgegen. Ein kleines Café, einpaar Biere, ein wenig Badminton
in einem Park, ein bisschen Gitarre in dem anderen. Wir liehen uns bei
Freunden zwei Fahrräder und fuhren zum See außerhalb der Stadt.
Sie war so fröhlich und schlank und schön im gelben Bikini mit
kleinen roten Blumen. Nach dem Baden zogen wir uns in den Büschen
um, sie gab mir den Bikini, ich steckte ihn in meinen Rucksack, und plötzlich
erstickte mich fast der Gedanke, dass sie unter der Hose und dem T-Shirt
nichts anhat. Ich sah sie an und konnte die Augen von ihr nicht abwenden.
Von dem Mädchen, welches ich mir selbst ausgedacht hatte.
Ich wurde rot. Sie auch. Wir fuhren weiter.
Irgendwann wurde es dunkler und fing an zu regnen.
Es war einer von diesen großartigen Regen, die
in einem einzigen himmlischen Kreuzzug die Sahara überfluten oder
ein kleines südamerikanisches Dorf mit hilflosen herumlaufenden Männchen
zunichte machen könnten. Mit Donner, lauter Blitzen (als ob der Himmel
schnell mit den Augen zwinkern würde) und mit kaltem Wasser tonnenweise:
einer von den Regen, die sich für immer ins Gedächtnis einprägen
– zusammen mit all dem, was sie begleitet.
Wir versuchten uns erst im Wald zu verstecken, aber im
ganzen Wald war auf einmal kein trockener Platz weit und breit, und wir
beide wurden im Nu nass bis auf die Haut. Unbesehen jagten wir an den
rauschenden Bäumen vorbei, durch irgendwelche Waldwiesen mit umher
liegenden Weinflaschen, durch wüste Sportanlagen, die mit Moos und
Birken bewachsen waren, durch kleine verwilderte Alleen ohne Anfang und
Ende – und landeten schließlich auf einer Waldstrasse, an
der eine leere Bushaltestelle stand.
Wir lehnten unsere Fahrräder an die Betonwand. Ich
zog mein T-Shirt aus und schmiss das klitschnasse Zeug in den Rucksack.
Es war inzwischen ziemlich kalt geworden. Das Mädchen zitterte und
hielt sich an den Schultern fest. Dünne nasse Strähnen lagen
ihr auf der Stirn und im Gesicht. Ich umarmte sie von hinten und erwärmte
mit meinem Körper. Das half nur ganz wenig. Ich wollte so sehr eine
kleine Sonne werden, um sie zu wärmen. Aber ich war auch damals eben
nur ein Mensch.
Ich massierte ihre ängstlichen Schultern, wandte
dann das Mädchen um und drückte fest an mich. Sie war wie Plastilin
in meinen Händen, folgte jeder meiner Bewegung, wie eine verzauberte
Prinzessin, wie ein gefangener Schmetterling. Ich berührte mit meinen
Fingern ihr Kinn, hob ihr Gesicht zu mir und küsste sie auf ihre
kleinen zitternden Lippen. Sie erschreckte sich plötzlich und machte
rasch einen Schritt zurück.
Ich blieb stehen und überlegte mir, wie sich ihre
Lippen angefühlt hatten. Zwar kalt und fest, aber trotzdem so zart…
Ich zitterte am ganzen Körper, und es war nicht mehr nur wegen der
Kälte. Ich hatte Angst, sie würde es merken. Aber sie merkte
es nicht, sie zitterte ja auch.
Sie sagte leise, ihr Herz poche wie verrückt.
Ich atmete auf und fragte, ob ich es mal hören dürfte.
Fast unmerklich nickte sie mit dem Kopf.
Ich setzte mich auf die Bank, nahm das Mädchen an
den Hüften und zog sie zu mir. Sie machte wieder einen kleinen Schritt,
dieses Mal in meine Richtung. Ich lehnte mich mit dem Ohr an ihre kleine
Brust an und horchte. Zuerst hörte ich nichts, dann drückte
sie sich selbst fester an mich.
Es war unglaublich. Es war berauschend. Wie Schüsse
eines Maschinengewehrs auf dem Schießfeld. Wie Blitze im dunklen
Himmel. Es war schön.
Ein echter Blitz riss für einen Augenblick die Strasse
aus der Dunkelheit. Zeus donnerte auf seine Trommeln. Der Regen verstärkte
sich erneut und fing an, wie aus Eimern zu gießen. Flüsse strömten
rund um die Haltestelle, unter deren Dach sich zwei Sechzehnjährige
umarmten und küssten wie in den Hollywood-Filmen, oder wie in den
Science-Fiction-Romanen, oder wie in einem von ihnen selbst ausgedachten
Traum. Von der übrigen Welt durch die Regenflut abgerissen. Aus der
Realität herausgenommen und wie zwei Porzellanvasen in einen bisher
unbekannten Raum gestellt. Irreal bis zum wahr werden. Aber doch irreal.
Ich träumte sie und sie träumte mich.
Wir standen da und klammerten uns aneinander fest –
so, als ob wir die Zeit in einen Punkt zusammendrücken wollten, aus
dem es nie einen Weg hinaus geben sollte. Ich schnüffelte wie ein
Hund an ihren Haaren. Sie roch fein und jungfräulich, süß
und ein wenig herb. Nach den kleinen roten Blumen vielleicht, die in ihren
gelben Bikini eingestickt waren. Ihre Augen sahen in meine Augen –
und sie waren braun, und ich sah in ihnen mich selbst und noch die Wand
der Haltestelle und die Bäume und – den Regen. Und als der
Regen draußen mit einem Mal aufhörte, regnete es immer weiter
in ihren Augen. Ich leckte diese salzigen Tropfen von ihren Wangen ab
und schluckte sie herunter. Wir wussten beide, dass unser Zeitpunkt Löcher
hatte.
Es wurde spät. Wir nahmen unsere Fahrräder
und begaben uns zurück in die Stadt. Die Waldstrasse führte
zu den ersten Gebäuden an der Stadtgrenze. An einer Kreuzung blieb
ich unter einer Linde stehen und schaute auf das Mädchen. Sie stand
da und löste sich langsam in der Luft auf. Zuerst wurde sie durchsichtig,
wie ein Spiegelbild auf dem Wasser, dann verschwanden ihre Füße
und Hände und dann – sie selbst… Ich atmete einmal durch
und machte mit der Hand eine Bewegung, die vielleicht wie eine Kusshand
aussehen konnte – oder vielleicht so, als ob ich in der Luft nach
etwas greifen wollte. Als Antwort darauf fielen auf mich nur ein paar
Regentropfen von den Blättern der Linde, wie kleine goldene Nadeln
im Laternenlicht aufschimmernd. So lautlos wie die Stille selbst.
Ich hatte das Gefühl, dass ein weiterer Traum anfangen
würde, obwohl ein anderer gerade offensichtlich zu Ende war. Es war
das erste Mal, dass ich ihn sah: den ewigen surrealistischen Korridor,
der von Raum zu Raum geht und einer Matrjoschka ähnelt – oder
einer Kurzgeschichte, die in einem selbstlosen, fast manischen Zug niedergeschrieben
wird und sprunghafte, ineinander gepackte Erinnerungen beinhaltet. Welche
aber vielleicht nur in dieser einen Konstellation etwas Wert sind und
einen Sinn machen können. Eine Abfolge von Räumen, jeder von
denen einen eigenen Zeitlauf hat und in jedem von denen eins von meinen
Ichs lebt und darauf wartet, dass die Türen geöffnet werden.
Ich fuhr weiter und weiter in die Stadt hinein, und das
Mädchen war nicht mehr bei mir. Der Gegenwind nahm ihre leise Stimme,
ihren Atem, den Geschmack ihrer Lippen nach und nach in die Vergangenheit
mit. Für immer verließen ihre zitternden Schultern und der
Regen in ihren Augen das hiesige Dasein. Langsam verschwand ihr gelber
Bikini aus meinem Rucksack. Das letzte, was noch ein wenig länger
da blieb, war ein Hauch ihres Duftes: süß und etwas herb, wie
der Duft der kleinen roten Blumen, welche ich einmal auf einer Waldwiese
gefunden hatte, als ich dort nach Einsamkeit suchte. Ein melancholischer
Romantiker, der noch in der Lage war, etwas Schönes auszudenken,
und der in jener Nacht an der Bushaltestelle im Wald blieb, an dem Ort,
wo es keinen Weg hinaus gibt…
Seitdem versuche ich fast ständig, meine persönliche
bodenlose Ewigkeit aufzufüllen, indem ich etwas in mein Notizbuch
schreibe. Eigentlich genauso wie wir alle es tun: jeder auf seine eigene
Art. Um früher oder später endlich zu verstehen: Das schönste,
was wir je erschaffen hatten, erschufen wir als sechzehnjährige.
In einem anderen Land, in einer anderen Zeit. Und vor allem mit unserem
anderen Ich. Und das einzige, was uns danach am Leben erhält, ist
die Hoffnung, ein anderer, neuer Traum würde einmal anfangen…
Ich zündete mir eine Zigarette an.
Der dicke Penner aus dem Döner-Laden entfernte sich
langsam die Uhlandstraße entlang. Neben der Fahrbahn war ein Graben,
voll mit dreckigen durcheinander geworfenen Röhren und Kabeln. Ich
sah noch, wie der Mann nach einer weiteren Zick-Zack-Passage fast in diesen
Graben fiel, aber rechtzeitig noch das Gleichgewicht fand und weiter ging.
Dann verschwand er in der Dunkelheit.
Mit ihm war auch seine Geschichte weg – die Geschichte
mit einem tollen Anfang. Ich hatte gerade ihrem Ende zugesehen.
Ich liebte sie und sie liebte mich…
August 2005
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