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Michael Schleicher
Liebe unter dem Aprikosenshampoo
Abschiedsetüde 1996
für Slava...
Stopp! Was sind das für Bücherstapel im Flur? Wer hat es erlaubt,
Erinnerungen in meiner Wohnung liegen zu lassen?
Zum 20-sten Lebensjahr wurden unsere Seelen zu großäugigen
Kindern, vergewaltigt und auf zerwühltem Schnee sterben gelassen.
In meinen engen Hosentaschen sind keine Streichhölzer mehr, das zwingt
mich dazu, das Feuerzeug zu benutzen. Aber was geschieht, wenn man vom
Geländer der Feuerwehrleiter, die auf den geschlossenen Dachboden
eines Wolkenkratzers führt, das von ausgetrockneten Tränen weiße
Symbol unserer Liebe und unseres Glauben herunterholt?
Der Junge, der auf dem Fensterbrett sitzt und die Beine
vom neunten Stock baumeln lässt, weiß, dass die unendliche
Weite, die seine blonden Haare mit liebkosender Sauersäure umströmt,
keinen Glauben hat. Sie tauschte ihn gegen die Möglichkeit, sich
zu bewegen.
Trocken weint mein Hausbaum. Meine Hände riechen
nach seinen staubigen Blättern und gescheiterten Operationen bei
der Kindheitsentfernung. Wie gerne würde ich meine Hände in
eine Wand deiner Wohnung einmontieren, damit du sie kratzen und beißen
könntest. Aber dafür muss ich erst lernen, scharfe Gegenstände
in die Zehen einzulegen.
Zwanzig Ewigkeiten sind völlig ausreichend, um alle
Telefonbücher der Welt zu lesen und zu begreifen, dass der Tod die
einzige Droge ist, von der man nicht stirbt. Uns wurde öffentlich
das Gefühl der Realität injiziert. Wir hatten Talent und wurden
gezwungen, genial zu werden. In unseren flauschigen und leeren Lungen
flüstert der leichte Tuberkulosewind dieser verwirrenden Sommer und
Winter.
Wir machen Liebe ohne Kondome, weil wir glauben, die
Zeiten des Symbolismus sind vorbei.
Als Frühling in unsere Straße kam, wachte
ich auf, öffnete die Balkontür und fing an, eine Zigarette zu
rauchen, wobei ich die abgebrannte Asche in den Becher mit Kaffee schmiss.
Die Luft stieß gegen die beweglichen Wände und streichelte
meine immer noch seidenweichen Haare. Ich wusste, dass ich einem kleinen
blonden Hirtenknaben ähnelte. Mit einer Flöte.
Er liebte Pastoralen dafür, dass er noch keine mit
Herden blühenden Weiden gesehen hatte, und keine Häuser, die
in einer Schar zusammendrängen am Rande des auf die Sterne aufgefädelten
Waldes.
Die Bücherstapel fliegen unter den Füßen
hervor und setzen sich als schwarze Krankenhaus-Enten mit umgedrehten
Hälsen auf den Marktplatz. Der Oberbürgermeister spielt mit
seinen Gedanken, lächelt und reibt sich seine kleinen ganz gewöhnlichen
Hände.
Eines Tages werde ich runde Löcher in den Zigarettenkörper
bohren. Mit den harmlosen Lügen wird eben das Leben gestickt. Der
blondhaarige Junge, der über dem Wolkenkratzer fliegt, ahnt, dass
das von innen blut-rote Mädchen gleich eine schwarz-weiße Melodie
spielen wird, die niemals Enttäuschung bringen würde.
Wir haben längst verstanden, dass unsere Namen in
der Presse nie das gewünschte Ergebnis erzielen.
Wir sind Revolutionäre, die Blätter unseres
Lebens beschreiben wir mit Milchtinte. So passt mehr drauf und keiner
sieht etwas davon.
Wäre einer von uns Redakteur, würde er nur
witzige Kreuzworträtsel und Todesanzeigen drucken lassen.
Zahme Hauswesen, namen- und geschlechtslos. Das Stipendium
wird einmal monatlich ausgezahlt, die restliche Zeit kämpfen wir
gegen den Kater zum Beifall unserer Herrchen.
Unsere Augen sehen die Welt durch farbige Glasscherben.
Dank glücklichem Zufall bringen wir unsere Glasscherben ständig
durcheinander und, zum Wiedersehen gezwungen, freuen uns immer wieder.
Wir lächeln wie kleine Sonnen und küssen uns. Ich mag es, die
Speichelfarbe Anderer im Mund zu schmecken.
Wie schade, dass wir als erste auf den Markt der klugen
Gedanken gekommen waren. Wir hatten uns weniger auf den sonnigen Strassen
herumtreiben sollen.
Deine Nägel zeichneten auf meiner Brust den Plan
deiner Stadt. Um dich über mich lustig zu machen, platziertest du
dich selbst aber zwischen Hals und Schlüsselbein. Du wusstest, dass
ich keine Spiegel benutze.
Das Mädchen auf dem gelben Hintergrund spielte die
Musik zu ende, trank ein Glas durchsichtigen Getränks und gab sich
einem Stadtabflussreiniger hin.
Auf dem Schokoladenplaneten leben kleine Tiere Snickerse.
Sie haben kein Gehirn und verwischen ihre Spuren mit den Schwänzchen.
Auf ihrem Planeten gibt es einen Fluss, in den sie ihre staubigen Glieder
eintauchen. Die Tierchen können nicht lieben und pflanzen sich durch
Knospenbildung fort.
Als der blondhaarige Junge durchs Fenster herein flog,
leuchtete das Klavier blau im großen dunklen Raum. Er fing an zu
weinen, setzte sich in den schwarzen Sessel und schimpfte das Instrument
Piano...
Wie ich mich selbst liebe – für das, was ich
nie mit dem Stift aufs Papier schreiben würde, und dafür, dass
irgendwo in mir ein kleines Kätzchen mit großen Augen eines
Hirtenknaben seufzt und traurig die Pfoten ausbreitet.
Wir sterben, wenn wir klein, zutraulich und ängstlich
vor der Dunkelheit sind. Zum zweiten Mal sterben wir im Bett mit unseres
gleichen. Zum dritten Mal, wenn wir anfangen als begabt bezeichnet zu
werden. Endgültig und zum letzten Mal.
Alles wird hier von den Worten „als ob“ begleitet.
In jedem unserer Gags ist eine Weisheit, in jeder unserer Weisheit ist
Unsinn, im glücklichsten Falle ein witziger Gag.
Die Romantik des Nihilismus unter unseren kitzeligen
Füßen, die selbst das ewige blinde Nichts treten. Das rote
Auge des Jahrhunderts beobachtet uns aus den Trümmern des eingestürzten
Krankenhauses heraus, in dem Geschlechtskrankheiten behandelt wurden.
In unseren Zimmern wird es heiß, und die phobiendurchtränkten
Wände atmen schwer und verströmen Dunst. Auf den sauberen Blättern
fangen all die einmal geschriebenen Zeilen an in Erscheinung zu treten.
Ich hasse meine Stadt, über der der radioaktive Seetang der unschuldigsten
Seelen und der übrig gebliebenen Hochherzigkeit schwebt. Gesichtslose
Waisenkinder der dreckigen Bahnhöfe. Gleich stehe ich auf und bringe
denjenigen um, der auf meinem Flur seine Bücher gestapelt hat. Ich
hab es schon von dem Hausbaum satt. Stopp! Das scheußlichste Verbrechen
verlor seinen Schöpfer und geriet ruhelos in Gärung im Kern
der Erde. Ihre Haare rochen nach Aprikosenshampoo.
Im Sommer. Im Sommer werde ich einen Haufen gelber Luftballons
kaufen und zum Abschied über die staubige Stadt fliegen.
Stopp! Ich fahre fort, meine Bücher – in Schimpf!
Ich werde dich nie mehr wieder sehen. Stopp!!!
20.02.1996
Übersetzung aus dem russischen 07.06.2004
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