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Michael Schleicher
Rund um die Welt
Ich kannte eine Frau. Sie wohnte in dem kleinen Palast ihrer großen
Wohnung, in der die vielen Fenster auf einen erträumten Zauberwald
schauten. Auf jedem Fensterbrett standen Rosen. Weiß wie der Winter
und schwarz wie die Nacht. Rot wie das Feuer und sogar blau – wie
ihre leuchtenden grün-blauen Augen.
Jeden Morgen waren die Rosen da, sie waren frisch und
dufteten schon, als sie noch im Bett lag. Am Anfang liebte sie die Blumen
und pflegte sie. Sie beschnitt die Stiele und wechselte das Wasser.
Aber jeden Tag waren neue Rosen da, sodass sie keine
Möglichkeit hatte, sich an sie zu gewöhnen. Und mit der Zeit
fing sie an, das Interesse an ihnen zu verlieren. Es wurde zu einer Selbstverständlichkeit,
dass es in ihrem kleinen Palast immer frische Blumen gab. Frische Blumen
ohne Seele.
Kennst du das Land, wo die Zitronen blühn?
Ich sitze am Fenster im Zug, der durch die Nacht schwebt.
Mir gegenüber sitzt mein Schatten. Wir schweigen und schauen durch
das dunkle Glas auf die Großstadtlandschaften, die mit ihren Menschen
und mit ihren schrecklichen und glücklichen Schicksalen vorbei rasen.
Mein stiller Schatten guckt ab und zu zu mir und wendet sich wieder zum
Fenster. Magnetisch sind die schrecklich glücklichen Schicksale in
dem grenzenlosen schwarzen Quadrat dieser melancholischen Nacht.
Kennst du das Haus? Auf Säulen ruht sein Dach,
Es glänzt der Saal, es schimmert das Gemach…
Nach dem Aufstehen bedeckte sie das Bett mit einer Decke,
die von einer Seite grün mit schwarzen Blättern darauf und von
der anderen schwarz mit grünen Blättern war. So konnte man schon
an der Decke sehen, was für eine Laune sie hatte. Grün wie der
Frühling. Oder schwarz wie die Sonnenfinsternis. Die Rosen waren
immer da, aber das Bett blieb immer öfter schwarz. Die Frau lag auf
dem Bett, sah durchs Fenster einen Vogel am Himmel gleiten und hielt in
den Händen ein Buch in fremder Sprache. Sie war so jung wie ihre
eigene Welt, nach der sie sich sehnte, so traurig wie die Decke, auf der
sie lag, und so zart wie…
„Na, wie heißt es denn? Woraus besteht eine
Blume?“
„Aus dem Stiel und der Blüte“.
„Ja, ja, aber wie heißen diese Blätter,
aus welchen eine Blüte besteht?“
„Na, Blütenblätter.“
„Ach so… In meiner Sprache gibt es dafür
ein spezielles Wort. Die Deutschen machen es sich ja ziemlich einfach…“
Eines Tages merkte sie plötzlich, dass die Rosen
nicht mehr frisch waren. Am nächsten Morgen stand sie früher
auf und prüfte es nach: Ja, die Rosen fingen an zu welken. So bekam
sie Angst, dass die letzten Rosen in ihrem kleinen einsamen Palast sterben
würden. Sie beschnitt ihnen die Stiele, wechselte das Wasser, machte
das Bett und setzte sich darauf, um zu warten. Sie fuhr mit den Augen
durchs Zimmer und sah das Bett, auf dem sie saß. In grün.
Kennst du das Land? Dahin! Dahin…
Mein Schatten lächelt mir zu, und ich fühle
mich besser. Ich weiß, dass mit der Angst in den kleinen Palast
ihrer Wohnung der Frühling kam. Ohne Rosen, aber grün wie ihre
leuchtenden blau-grünen Augen. Die Frau ging hinaus, fort, weit weg,
ich habe sie nie wieder gesehen, sie verließ meine Wohnung und kam
nie zurück. Denn keiner von uns kehrt jemals zurück. Es ist
weder möglich noch nötig. Kein Mensch kann zweimal in denselben
Fluss steigen. Kein Zug kann zweimal auf denselben Gleisen fahren, weil
sie stets mit neuem Staub bedeckt werden. Wir gehen ständig nach
vorne, aber sehen immer nach hinten. Das schwarze Quadrat des glücklich
machenden Fernsehens erschreckt mit der Zeit immer weniger. Und immer
mehr. Der leere Zug rast durch die kurze Sommernacht. Mein Schatten und
ich schweigen und schauen durchs Glas. Das ganze Leben liegt vor unseren
Augen. Diese Fahrt ist unendlich. Ringbahn.
25 März 2006
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