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Michael Schleicher
Was wir
über Schleicher wissen sollten
(gesammelte Informationen)
Wie bekannt leben Schleicher hauptsächlich in kleinen Herden. Wie
schon Professor J. N. Lipski in seiner berühmten Abhandlung über
Schleicher betonte, ist die Benutzung des groben Wortes „Horde“
in Bezug auf diese Wesen nicht wirklich angemessen und zwar aufgrund seiner
mangelhaften tonalen Widerspiegelung von Herdenhaftigkeit. Jeder mehr
oder weniger in das Thema involvierte Leser analysierte allerdings selbst
bereits während langer Mondnächte diese philologische Besonderheit
in den wissenschaftlichen Werken über das Verhalten der Schleicher.
Schleicher ernähren sich von Sternenemission und
frischem Granit, folglich können sie ihr Körpergewicht problemlos
steigern sowie reduzieren. Das gibt ihnen die Möglichkeit, beliebig
lange Strecken des kosmischen Raumes zu überwinden, ohne dabei in
Abhängigkeit von meteorologischen Erscheinungen auf der Erde oder
in der Konstellation des Südlichen Kreuzes zu geraten, sowie auch
von technischen Transportmitteln, die Schleicher ohnehin nicht haben.
Trotz dieser so wundervollen Möglichkeit überwinden Schleicher
selbst die kürzesten Strecken des kosmischen Raumes extrem selten.
Der Grund dafür ist, dass die Weltraumwinde ihre kleinen Herden in
unterschiedliche Richtungen zerwehen und dadurch Schleicher „die
Herdigen“ in Schleicher „die Einsamen“ verwandeln, was
diese überhaupt nicht mögen.
Obgleich Schleicher in der Konstellation des Südlichen
Kreuzes bis dato noch nicht entdeckt wurden, gibt es alle Gründe
anzunehmen, dass sie dort trotzdem existieren. Das Gegenteil zu behaupten
wäre absurd, da die Weltraumwinde sich bekanntlich auf dem gesamten
Territorium des Universums bilden und in alle seine Richtungen wehen.
Jedenfalls ist dem Verfasser der vorliegenden Arbeit bis jetzt kein wissenschaftlicher
Artikel bekannt, in dem so ein Schwachsinn behauptet würde.
Die natürlichen Schwierigkeiten der von uns nur
teils erforschten Schleicherkolonie bestehen darin, dass die Orte, an
denen man die Emission des nächsten Sternes, d.h. der Sonne, naschen
könnte, und die Orte, an denen frischer Granit zum Knuspern da ist,
voneinander recht weit entfernt sind und sich außerdem ständig
mit dem Solarterminator hin und her bewegen. Aber eben diesem Phänomen
verdanken wir die Tatsache, dass wir manchmal, bei durchsichtiger und
klarer Nacht in der Küche, am verkratzten Teleskop und bei einer
Tasse Kaffee sitzend, mit einem gerührten Lächeln die Migrationen
der Schleicher beobachten können, die parallel zu den Kraterreihen
verlaufen: entlang des Meeres der Wolken, der See der Träume und
der Bucht der Hoffnung, aber auch der See der Ewigkeit und der Karpaten.
An den Orten der sogenannten Proviantierungsmigrationen der Schleicher
wird ein punktiertes Glühen der Mondoberfläche vernommen...
* * *
„...der Mond. Und es ist ganz deutlich zu sehen,
dass er auf keinen Fall ein Kreis ist. Und auch keine Münze. Und
keine Untertasse oder so etwas. Sondern eine vollkommene dreidimensionale
Kugel. Seine Raumkapazität erreicht den Höhepunkt selbstverständlich
bei Vollmond. Und wenn Wolken – wissen Sie, diese Wolken, leicht
wie Flaumfedern oder wie das Fell eines kleinen grauen Kätzchens,
– wenn diese Wolken ihn berühren und ganz zart streicheln.
Es scheint, als ob sie nicht nur die sichtbare Seite des Mondes, sondern
auch seine Rückseite berühren. Manchmal denke ich, es wäre
ein Ballon, der zu uns von einem anderen Planeten geflogen kam, und dann
wünsche ich mir, den Korb darunter zu erkennen und die Menschen in
dem Korb. Manchmal denke ich auch, es ist dieser andere Planet selbst,
der Planet, den wir alle so lange vergeblich gesucht hatten, und dann
glaube ich, dass es möglich wäre, mit dem besten Flugzeug der
Weimarer Republik dort vielleicht einmal anzukommen. Und dort möglicherweise
sogar zu leben...“
„Mein lieber Kurt, Sie sind viel zu sentimental
geworden“, sagte Adolf. „Sie sollten sich gestatten, sich
im Schoß der Natur auszuruhen.“
„Denken Sie, lieber Adolf?“ fragte Kurt,
sich in die Wolldecke einwickelnd und traurig den Mond hinter dem Terrassengeländer
betrachtend. „Vielleicht haben Sie Recht. Einst galt ich als Kenner
und Genie der Intrige. Was ist in mir von meinem Selbst jener Zeiten geblieben?
Militärische Haltung? Jeder weiß, was die Haltung eines alten
Generals wert ist. Arische Gesichtszüge? Die Gesichtszüge aller
Menschen werden in meinem Alter gleichermaßen unklar, was das angeht.
Meine Erfahrung? Oh! Meine Erfahrung ist genau das, was mir jede Minute
von meinem Nichtsein berichtet. Das Genie der Intrige ist gestorben, weggeflogen,
wurde verstreut irgendwo inmitten der unbekannten Wunderwelten und der
Kieferbäume des Urals. Hier ist ein altes, der Menschheit nicht mehr
zugehörendes Wesen geblieben, das den Rest seines Lebens einfach
auf dem Mond leben möchte.“
„Mein lieber Kurt, Sie sind viel zu sentimental
geworden“, sagte Adolf. „Sie sollten sich gestatten, sich
im Schoß der Natur auszuruhen.“
„Nein, nein, der Schoß der Natur würde
mich jetzt nicht retten“, sagte Kurt und ertastete in der Dunkelheit
seine Pfeife mit dem glatten, feurigkalten Gewölbe des goldenen Deckels.
„Mich rettet die Arbeit, das einzige, was mir von meinem früheren
Ich übrig geblieben ist. Telefon, Feder, Massenversammlungen. Kein
Mond. Es ist nicht die richtige Zeit für den Mond. Ich werde Röhm
auslachen und Göring vernichten. Und Sie, mein lieber Adolf, Sie
werde ich unter keinen Umständen auf den Kanzlerthron lassen. Und
gewiss werde ich kein Wort vom Mond mehr verlieren.“ Kurt zündete
die Pfeife an und ließ den Rauch in den schwarzen eisigen Himmel
aufsteigen. „Der Mond... Das ist doch viel zu romantisch. Passt
nicht zum Bild eines Generals, oder?“ Er lachte heiser. „Stimmt
ja auch! Es reicht, den Mond für einen Sündenbock der weinenden
Geliebten zu halten! Es wird Zeit, endlich Grundstücke auf dem Mond
zu verkaufen. Diese Apfelsine in Kilometerscheiben zu zerschneiden und
zu versteigern. Das wäre doch mal etwas wirklich Großartiges!
Wissen Sie, Adolf, das ist tatsächlich dasselbe, wie Glück zu
verkaufen. Wenn wir den Mond preisgeben würden, würden wir damit
den Glauben an den technischen Fortschritt und somit die Hoffnung auf
die Zukunft gleich mit anbieten. Und ob das nicht bereits Glück ist?“
Kurt seufzte. „Im Übrigen würde auch die Staatkasse endlich
ein wenig voller werden.“
Er seufzte wieder und hob die Augen, so, als ob er sich
für etwas entschuldigen wollte, zum Mond empor, welcher durch die
Wolke seines Atems hindurch schien.
„Mein lieber Kurt, Sie sind viel zu sentimental
geworden“, sagte Adolf. „Sie sollten sich gestatten, sich
im Schoß der Natur auszuruhen.“
„Ja“, sagte Kurt. „Ja, ja. Sie haben
Recht. Ich muss in den Ruhestand treten. Und leider werden Sie meinen
Platz übernehmen. Ich glaube, es wird das Deutsche Reich in eine
der jenen schrecklichen Katastrophen fallen lassen, mit denen man Schüler
in den Geschichtsbüchern erschreckt. Ich weiß nicht genau,
wie die Katastrophe aussehen wird, aber sie kommt bestimmt. In jeder Sackgasse
riecht es danach. Eine entehrende Katastrophe. Nicht nur weil Sie Menschen
in Arier und unreine Rassen aufteilen; und auch nicht weil Sie um sich
herum eine Bande von Sadisten und Trinkern gesammelt haben, die ich selbst,
wäre mein Wille noch etwas wert, im für sie glücklichsten
Fall hinter Gitter schmeißen würde. Nein, die Katastrophe kommt
schon allein deswegen, weil der Mond für Sie nichts weiter ist als
jener Sündenbock, mit dem Sie selbst nichts zu tun haben wollen.
Nie im Leben würden Sie sich vorstellen können, dass das Flugzeug
ankommt, dass Sie aussteigen und einen gelben Mondpfad entlang gehen,
der nur für Sie da ist. Nie im Leben würden Sie sich vorstellen
können, dass Sie sich auf einen dunklen gespaltenen Stein setzen,
der nur auf Sie die ganze Zeit gewartet hat, von dem aus Sie den Blick
zur Erde richten und darüber nachdenken können, wo Sie jetzt
in Wirklichkeit hinblicken: nach unten oder nach oben. Und plötzlich
wird Ihnen etwas schwindelig im Kopf und Sie begreifen doch auf einmal,
dass Sie auf dem Mond sind. Und dass es nur Ihr Mond ist. Und dass von
der Erde aus gerade Millionen von menschlichen Augen zu Ihnen schauen:
Männer und Frauen, Junge und Alte, Dichter und Politiker. All die
Menschen schauen zu Ihnen und sehen Sie nicht. Die Menschen sehen nur
einen Ballon, der zu ihnen von einem anderen Planeten angeflogen ist,
eine Kugel, welche von den Wolken, leicht wie Federn, gestreichelt wird.
Und Sie selbst sitzen auf dem Mond und baumeln mit den Füßen,
wie ein Kind auf einer Bank, – über all den Wolken und zugleich
über diesem bodenlosen klirrenden Abgrund. Und Ihre Stiefel würden
in dem Falle nie, – oh, glauben Sie mir, mein lieber Adolf! –
sie würden nie in das Vergessen der Ewigkeit hinunterfallen. Und
genau das wollen Sie ja letztendlich…
Kurt schwieg und wartete auf Adolfs Antwort. Aber Adolf
verstummte. Dann drehte sich Kurt zu dem zweiten Lehnsessel, der auf der
Terrasse stand, und sah nur die Dunkelheit darin. Adolf Hitler war nicht
da…
Der entlassene Reichskanzler Kurt von Schleicher rauchte
die ganze Nacht hindurch und führte Selbstgespräche. In der
frostigen Luft um ihn herum schien ihm auf eine eigenartige Weise Hitlers
letzte Phrase von gestern zugegen zu sein. Er hörte sie in der Nähe
seiner Ohren und antwortete, antwortete, antwortete…
Es war die vorletzte Nacht im Januar des Jahres 1933.
Es waren noch fast anderthalb Jahre bis zur Nacht der langen Messer und
sechs Jahre bis zum Krieg. Die Villa in einem Vorort von Berlin war mit
Schnee zugeschüttet, der wie Rübenzucker knirschte, und mit
gebrochenen Pfeilen des Nordwindes. Der Wind roch nach schwedischen Fjorden
und nach Fisch. Im Park, eine Straße weiter unten, lag auf der Bank
ein Landstreicher und sah den ewigen Traum. Drei Alleen weiter, auf einer
anderen Bank, schmiegten sich Zwei aneinander. Über all dem heulte
und schrie der endlose Himmel. Es schneite. Wolken wurden zu einem Wintergewitter.
Die Kugel hing.
* * *
…Lebensräume in der Nähe folgender Meere:
Meer der Krisen, der Kälte, der Klarheit und – wie die Studien
der Rückseite des Mondes zeigen – auch am Meer der Illusion.
Seltener sind sie im Ozean der Stürme und in den Alpen zu beobachten.
Obwohl Schleicher von singulärer Natur und somit
einmalig und voneinander physikalisch unterschiedlich sind, pflanzen sie
sich durch Teilung fort, was bereits Juri Gagarin in der dritten Version
seines Abschiedsbriefes vor dem Großen Start voraussagte. Der bekannte
russische Raumschiffkonstrukteur S. P. Koroljov verhalf dieser Vermutung
mit Hilfe einer gesonderten Untersuchung zu einer Theorie. Die Augenzeugen
der Verwandlung der bloßen Theorie in Wirklichkeit (wie es damals
in der amerikanischen Presse hieß) wurden 1969 Neil Armstrong und
Edwin Aldrin. Diese erstaunlichen Einfaltspinsel waren gerade dabei, einen
Kasten Coca-Cola unter die amerikanische Fahne hinzustellen – für
den Fall, dass die kosmischen Wanderer, welche die Fahne sehen, sich auch
entschließen würden, den Durst gleich auf dem Mond zu stillen.
In diesem großen Augenblick sahen die beiden den Schleicher.
Später behaupteten sie, dass er dem Homo Sapiens
ähnlich sähe. Im Grunde genommen wurden seit dem Zeitpunkt Schleicher
„die Herdigen“ zu Schleichern „den Herdig-Aufrechtgehenden“
ernannt. Obwohl diese Definition das Wesen der Schleicher genau so unzureichend
erfasst, wie das Wesen des Mondes durch die Definition hängender
erfasst würde.
Schleicher teilte sich. Erst dachten die Astronauten,
neben ihm bewege sich sein Schatten. Aber nach einigen Sekunden begriffen
sie, dass es der vor kurzem erzeugte Schleicher-Nummer-Zwei war. Der Prozess
des Teilens war beendet, die beiden Schleicher schauten gleichzeitig zum
„Apollo-11“ (voller Respekt, wie es den amerikanischen Astronauten
schien) und gingen zum Horizont hin, sich angeblich unterhaltend. Bei
den folgenden Mondexpeditionen wurden die Schleicher leider nicht noch
ein Mal gesichtet.
Zu jener Zeit wurden viele Konferenzen und Debatten durchgeführt,
die sich mit dem Problem der Schleicher auseinander setzten, insbesondere
mit dem Thema „Entstand ihre Zivilisation auf dem Mond oder wurde
sie aus anderen Regionen des Universums eingeführt?“ In diesen
einfachen Anmerkungen würden wir niemals beabsichtigen, das endgültige
Tüpfelchen auf das globale „i“ dieses Problems zu setzen,
um Letzteres damit zu lösen. Wir behandeln nur die oben erwähnte
Formel ausführlicher, die allein schon so viele Unklarheiten, Ungenauigkeiten
und Widersprüche enthält, dass eine detaillierte Analyse davon
für einen Artikel in „MOON Geographic Magazin" genügen
würde.
Erstens. Es gibt keine hundertprozentige Gewissheit,
dass die Zivilisation der Schleicher wirklich entstand. Der wissenschaftliche
Nachwuchs, der im gegebenen Falle die Rolle der von uns respektierten
Opposition spielt, teilt sich hier in zwei Lager. Die ersten behaupten,
die oben genannte Zivilisation existiere schon ewig, sei ursprünglich
und folglich nie entstanden. Die anderen sind aber der Meinung, dass Schleicher
noch gar nicht entstanden sind und nur vorhaben, zu entstehen. Das, was
wir Schleicher nennen, seien nur die Nachhalle ihrer eigenen vergessenen
Erinnerungen, die zufällig in ihrer Vergangenheit – sprich
in unserer Gegenwart – erscheinen würden.
Zweitens gibt es keine einheitliche Meinung darüber,
ob Schleicher überhaupt eine Zivilisation haben. Möglicherweise
verfügen sie über kein Intellekt (was am wahrscheinlichsten
ist), und in diesem Fall ist es noch nicht angebracht, von einer Zivilisation
zu sprechen.
Drittens besagt das Wort „eingeführt“
bereits, dass Schleicher nicht eigenständig zum Mond umsiedeln konnten
(falls sie nicht gar seine Urbewohner sind), obwohl das noch absolut nicht
bewiesen ist. Man sollte doch die Möglichkeit einer freiwilligen
Kohäsion der Schleicher mittels ihrer Vorderbeinchen nicht ausschließen
und somit auch die Möglichkeit ihrer gemeinsamen Fortbewegung ein
paar Parsec dorthin, wo sie hinwollen, oder dorthin, wo derzeitig der
Wind hinweht.
Die restlichen Begriffe in den beiden gegenübergestellten
Thesen – „aus anderen“, „Regionen“, „des
Universums“ (der letzte insbesondere, da die Erde für uns gewissermaßen
kein Teil des Universums ist) und auch das unbeachtet weggelassene „auf
dem Mond“ – scheinen uns auch nicht vertrauenswürdig
zu sein. Schon unser bescheidener Armeekamerad Semjon Empirikov behauptete,
mit dem Lauf eines Kalaschnikows im Schnee zeichnend: „Der Politologie-Ausbilder
ist ein Arschloch. Definitionen sind sinnlos, da man erst die Begriffe,
aus denen eine Definition zusammengestellt ist, also die Definition selbst,
definieren sollte“.
In der Frage des Ursprungs der Schleicher sind die Begriffe
bis jetzt noch bei weitem nicht definiert.
* * *
(aus einem Interview):
Als ich elf war, schrieb ich die Geschichte "Das
Heft", in der es um zwei Jungen ging, die sich ein Heft mit einem
fremden Text entwendet und ihn veröffentlicht hatten. Diese zwei
Jungen waren meine Klassenkameraden, Seva und Michael, die selbstverständlich
nicht vermuteten, dass ich ihnen diese Plagiattätigkeit zuwies, ohne
wenigstens ihre Namen geändert zu haben. Im Weiteren verwandelte
ich diese Vorangehensweise in ein literarisches Mittel. Ich ändere
keine Namen in meinen Texten. Die Geschichte „Das Heft“ schrieb
ich, damit einer dieser Jungen (damals entschied ich mich noch nicht,
welcher) mich nach ihrer Veröffentlichung endlich bemerkte...
(aus Irina Puschkinas Online-Gästebuch
in einem Internet-Portal für russische Literatur):
M.S.,
- Fr. Mai, der 26
Da ich glücklicherweise mit Literatur direkt nichts zu tun habe,
eigentlich rein zufällig auf der Web-Seite gelandet bin und die Texte
hier auch rein zufällig gelesen habe, bin ich ehrlich wie der einzig
wahre gewöhnliche Leser. Ihre letzte Geschichte hat mir sehr gut
gefallen. Ich weiß nicht, warum die oben genannten Webliteraturkritiker
Eber und Joseph Stalin die „äußerst maskulinen Richtlinien
der Geschichte“ als unzumutbar empfunden haben. Vielleicht verstehe
ich davon einfach viel zu wenig. Eigentlich habe ich die Geschichte, sowie
auch den Wettbewerb selbst, durch einen Link in einer Internet-Zeitschrift
gefunden, in der ein Interview mit Ihnen veröffentlicht wurde. Mit
Foto. Aus diesem Interview habe ich erfahren, dass Sie bereits seit einigen
Jahren in Amerika leben. Es hat mich sehr überrascht, aber aus irgendeinem
Grunde auch gefreut. Noch mehr war ich allerdings überrascht, als
ich gelesen habe, dass Sie lesbisch sind. Einmal habe ich gehört,
dass die schönsten Männer schwul und die schönsten Frauen
lesbisch wären. Vielleicht sollte ich jetzt homosexuell werden, damit
ich Ihnen gewissermaßen näher kommen könnte. Ach ja, ich
vergaß fast. Es scheint mir, dass ich einer der zwei Plagiatoren-Jungen
bin, über die Sie im Interview für die Zeitschrift gesprochen
haben.
Irina,
- Fr. Mai, der 26
Verdammt, Michael, bist du es wirklich? Ich kann’s nicht glauben,
so was gibt es einfach nicht. Wenn du es tatsächlich bist, sag dann,
was aus der ganzen Geschichte nach der Veröffentlichung von „Das
Heft“ geworden ist.
M.S.,
- Fr. Mai, der 26
Daraus wurde nichts. Wir gingen nach der Schule immer noch jeden Tag zum
Mäusefeld und buken dort Kartoffeln im Lagerfeuer. Im Fluss hinter
dem Schießplatz fingen wir Wassermolche, mit denen wir die anderen
Kinder auf unserem Hof erschreckten. Wir spielten bei mir zu Hause Piraten
und suchten Schätze im Sessel unter dem Polsterbezug. Und eines Tages,
als Seva bereits zum Fußball gegangen war und als wir zwei bei dir
die antiken Münzen deines Vaters anschauten, sagtest du zu mir plötzlich:
„Lass uns küssen“. Und ich antwortete dir: „Bist
du doof oder was?“ Und außerdem erinnere ich mich an die Tüllgardinen
mit Sternchenmuster in deinem Zimmer. Zwei Monate später ist unsere
Familie nach Deutschland umgezogen, und ich habe von dir nie wieder etwas
gehört. Also wurde aus dieser Geschichte wirklich nichts.
Irina zu Michael,
- Fr. Mai, der 26
Micha, Michael Schleicher. Mehr als alles andere wünsche ich mir
jetzt Bier, viel Bier, oder noch besser eine ganze Flasche Scotch. Um
zu vergessen, dass du wieder verdammt noch mal existierst. Es wäre
besser, du hättest nie dieses dumme Interview gelesen. Damals in
Russland habe ich in der Tat die halbe Nacht geweint und dabei diese Tüllsterne
in den Gardinen angestarrt. Und den blöden Mond dahinter. Ich glaube,
ich wurde deinetwegen lesbisch. Ich hätte Seva auswählen sollen.
M.S.,
- Fr. Mai, der 26
Irina, es tut mir so leid. Warum bin ich nur damals in einem Jahr nicht
zurückgekommen? Mein Vater ist wegen seiner Ölgeschäfte
hingeflogen. Ich hatte mitkommen können, aber ich bin in den Sommerferien
mit der Klasse auf die Nordseeinseln gefahren und danach mit meiner Mutter
nach Italien. Und es hat mir schon tausend Mal leid getan, was ich dir
an jenem Abend gesagt habe… Jetzt ist es bei uns schon ganz dunkel,
und der Mond hängt mitten im Fenster. Ich habe zehn Minuten rumgesessen,
geraucht und den Mond angeglotzt, wie auch du damals: durch eine Tüllgardine,
die meine Frau mal selbst gestickt hat. Weißt du, es schien mir,
als ob du gerade denselben Mond anschaust, obwohl es eigentlich unmöglich
ist. Bei euch fängt ja gerade erst die zweite Hälfte des Tages
an. Du lebst jetzt in Amerika. Es ist alles so merkwürdig geworden.
Irgendwie unmenschlich oder so. Du in Amerika, ich in Deutschland. Und
einst wohnten wir beide in einem langen weißen fünfstöckigen
Haus in der Dudinstraße, gingen in eine und dieselbe sowjetische
Schule, lasen nach der Schule die gleichen Zeitschriften… Irina,
wenn du nichts dagegen hast, werde ich dir eine Email schreiben. Ich glaube,
in deinem Gästebuch verwirren wir mittlerweile Menschen durch unsere
seltsame Korrespondenz.
Wäre das OK?
Irina zu Michael,
- Fr. Mai, der 26
Nein, Micha, schreib bitte nicht.
Das bringt nichts, ich liebe keine Männer. Bye!
* * *
Die erste offizielle Version des Todes von General Kurt
von Schleicher, dem letzten Kanzler der Weimarer Republik, lautet: Unfall.
Am 30 Juli 1934 bestrich Schleicher während des Frühstücks
eine Scheibe Brot mit Butter und feuerte sich dabei aus Versehen ein paar
Feuerstöße aus der Maschinenpistole in die Brust. Zweifellos
eine sehr gute Version. Aber nicht wahr.
Die zweite, fast offizielle Version sprach von Schleichers
Tod durch die Hand von Außerirdischen. Die in Berlin hereingestürmten
Außerirdischen nahmen das Leben von Schleicher und einigen anderen
Berliner Bürger, da sie zwischen zwei kosmischen Kriegen gerade nichts
Besseres zu tun hatten. Es ist jedoch genauestens belegt, dass Berlin
am 30 Juli 1934 von Außerirdischen frei war. Also hat sich diese
Version nicht durchgesetzt und war bald auch vergessen.
Die dritte Version, welche bekannt gemacht wurde: Das
Datum vom 30. Juli 1934 wird im historischen Kalender Deutschlands bis
jetzt noch als die Nacht der langen Messer vermerkt. Hitler wurde von
Göring und anderen Experten ihrer Gesellschaft überzeugt und
entschied sich, seine potenziellen Feinde zu vernichten: Röhm und
Röhms SA-Männer. Was auch an dem Tag erfolgreich in die Tat
umgesetzt wurde. Nebenbei wurden gleichzeitig in einigen deutschen Städten
reichlich die Menschen erschossen, die mit den SA-Truppen eigentlich nichts
gemeinsam hatten. Unter ihnen war ebenso unser Kurt von Schleicher, der
pensionierte Kanzler, der dem guten Katholiken Göring im Wege stand.
Das ist sicher auch keine schlechte Version. Aber glücklicherweise
auch nicht die Wahrheit.
Der oben genannte General Kurt von Schleicher, der letzte
Kanzler der großen Weimarer Republik und mein entfernter Verwandter,
sitzt gerade neben mir und versteckt sein Lächeln im Schnurbart.
Am interessantesten ist, dass Kurt selbst sich alle drei
Versionen seines eigenen Todes ausgedacht hatte. Er und Adi lachten sich
oft tot darüber. In Wirklichkeit wurde er mit dem ersten Raumschiff,
das auf der Erde hergestellt wurde und den Kurs auf den Mond nahm, von
Hitler auf einen geheimen Flug geschickt, von dem Kurt schon immer geträumt
hatte. Wie geplant, kehrte das Raumschiff nicht zurück. Folglich
wurden die erste, dann die zweite und anschließend die dritte Version
des Todes in Umlauf gesetzt. Mit der dritten Version verbrauchte die Menschheit
die Vorräte ihrer Fantasie, obwohl Kurt weitere fünf Versionen
seines Todes vorbereitet hatte. Leider wurden sie nicht gebraucht.
Gerade hat Kurt aufgehört zu lachen und klopft jetzt
mit der Fußspitze ungeduldig gegen die Wand des Lipski-Kraters.
Gleich werden wir dorthin gehen, wo die Farben der Mondberge mit dem Himmel
spielen und von wo unsere Heimat am besten zu sehen ist. Wir werden die
schwarzgelben Landschaften unter der großen leuchtenden Erde genießen
und den Menschen auf der Erde zuwinken. Wissen Sie übrigens, dass
die Berge am Horizont während eines besonders erd-hellen Tages fast
blau werden?
August Schleicher
aus den Aufzeichnungen außerhalb der Linguistik und der Erde
* * *
Bei den Schleichern handelt es sich nicht um Produkte
der Universumskräfte, der Natur oder um Schöpfungen Gottes,
sondern allein um eine Nebenwirkung unserer menschlichen Fantasie. Darüber
breitet sich Doktor der Philosophie A.B.Corovin in seinem Artikel im „MOON
Geographic Magazin" vom letzten Jahr aus.
Originellerweise hält Corovin die gesamte Welt für
eine Koexistenz von neuneinhalb Monden. Die unvollständige Hälfte
ist dabei unsere Erde und der neunte Mond ist der Himmelskörper,
den wir so gut wie jede Nacht in unserem Himmel beobachten. Auf jedem
der Monde leben Wesen, die von Corovin Engel genannt werden. Menschen
sowie Schleicher sind es also laut Corovin auch.
Die Engel des nach der Berechnung jeweils vorangehenden
Mondes sind die Nebenwirkungen der Fantasie der auserwählten Engel
des nächsten Mondes. Die Engel des allerersten Mondes sind somit
so weit von den Menschen entfernte feine Strukturen, dass sie in einer
unglaublichen und von den Menschen gar unbegreiflichen Dimension leben.
Obwohl es sich dabei im Grunde genommen um Abkömmlinge unserer eigenen
Fantasie handelt.
Außerdem spricht Corovin davon, dass die absurdesten
und die reizendsten Nebenerwirkungen der Fantasie von zwei nah zueinander
stehenden Menschen sich unter bestimmten Umständen in einen und denselben
Engel verwandeln können. Unter anderem damit begründet er seine
Voraussage über die Abnahme der Anzahl von Engeln der voranstehenden
Ordnung mit der Reduktion der Nummer ihres Mondes. Auf dem ersten Mond,
verkündigt Corovin, gibt es drei Engel…
* * *
From ms@dil.net
Sa Mai, der 27
To: irina_p@yahoo.com
Hallo Irina. Ich hab mich doch entschieden, dir ein letztes
Mal zu schreiben. Warum wolltest du eigentlich nicht, dass ich es tue?
Wirklich nur weil du lesbisch bist? Oder vielleicht weil ich von meiner
Frau gesprochen habe? Wir sind aber gerade dabei, uns zu trennen. Das
Verfahren läuft schon ein halbes Jahr und ein Ende ist noch nicht
abzusehen. Aber es ist dir ja egal. Uns beiden ist es egal.
Merkwürdig, es ist, als ob ich versuchen würde,
dich zurückzuholen. Obwohl du doch nie bei mir warst. Wie dumm. Wir
würden uns nie auf einer Parallele treffen, auch nicht wenn ich deswegen
schwul werde. Ich habe erst jetzt darüber nachgedacht, dass Lesben,
Schwule und die so genannten normalen Menschen auf unterschiedlichen Ebenen
der Welt leben. Ich bin wieder besoffen, also entschuldige, dass du das
hier lesen musst.
Gestern Abend, nachdem ich deine letzte Nachricht im
Gästebuch gelesen hatte, bin ich in die nächste Kneipe gegangen
und hab mich betrunken. Nach dem zehnten Wodka beschloss ich, dass es
mir wieder besser ginge, und kehrte wieder nach Hause. Und dann kam ich
plötzlich auf die Idee, dich im Internet zu suchen. Obwohl ich irgendwie
nicht sicher bin, dass ich wirklich nach dir gesucht habe. Vielleicht
suchte ich nach etwas anderem. Nach unserer Kindheit zum Beispiel?…
Ich habe einen Haufen Suchmaschinen in Bewegung gebracht,
aber alles war umsonst. Ich fand deine Geschichten und irgendwelche Kritiken.
Ich fand sogar deine Biografie, aber du hast sie selbst geschrieben, und
ich glaube, sie war bloß eine deiner Geschichten. Auf jeden Fall
konnte ich nicht verstehen, was darin Wahrheit und was das gewesen ist,
was nie gewesen war.
Die Suche nach dem Namen unserer Stadt führte zu
Fahrplänen der Regionaleisenbahn. „Grüne Welle“,
das Hotel am Seeufer, wo unsere Familien zusammen einmal in den Ferien
waren, – nur Zimmerpreise für Sommer- und Wintersaison. „Dudinstraße“
– ein Moskauer Immobilienunternehmen und Reisebüros. "Irina",
„Schule N56“ und „Klasse „5b““ –
führten überhaupt zu nichts, abgesehen davon, dass ich die Homepage
eines kleinen Mädchens namens Irina fand, welches Zerebralsklerose
hatte und nicht laufen konnte. Nicht dass ich zu besoffen war, nein, ich
war verwirrt und entsetzt. Früher dachte ich immer, ich bräuchte
nur den Namen unserer Stadt in eine Suchmaschine einzugeben, so würde
ich alles wieder sehen und alles wieder erinnern. Es hat sich herausgestellt,
dass ich mich darin schon immer getäuscht habe. Seit damals war ich
nicht mehr in Russland.
„56“ und „5b“ – sind ziemlich
ähnlich, wie ich es jetzt sehe.
Ich weiß nicht, ob du mir verzeihen kannst, was
ich damals, vor zwanzig Jahren, zu dir gesagt habe. Oder hast du es vielleicht
schon längst vergessen? Denn nur ich war derjenige, der für
immer davonfuhr, nur für mich ist unsere Kindheit unberührt
da geblieben, so wie sie einmal war. Bei dir verwandelte sie sich langsam
in Jugend und Erwachsensein. Es gab keine deutliche Grenze, wie es bei
mir der Fall ist. Allerdings sagtest du selbst, du hast geweint…
Jetzt reicht es aber! Ich hör auf und schreibe dir
nie wieder. Du liebst keine Männer. Ich liebe keine Amerikanerinnen.
Zum Schluss vielleicht noch kurz über mich: diplomierter Wirtschaftsinformatiker
und angestellter Systemadministrator. Arbeite bei der deutschen Niederlassung
von „Dänischen Internetlinien“, verheiratet, fast geschieden,
fahre jedes Jahr in Urlaub nach Florenz, keine Kinder.
Wir werden uns wohl nie wieder sehen. Jedenfalls nicht auf der Erde. Ich
möchte dich weder in Deutschland noch in Amerika treffen. Und schon
gar nicht in Florenz.
Das einzige, was mir dabei übrig bleibt, ist der
Gedanke, dass du manchmal denselben Mond durch die Tüllsterne siehst,
den auch ich sehe. Ich werde ihn ab jetzt immer vor den Augen haben, besonders
dann, wenn bei euch Nacht und bei uns Tag ist.
Lebe wohl, Irina.
Dein Plagiatoren-Junge
Michael Schleicher
28.05. – 01.06.2000
Übersetzung aus dem russischen: 10.07. – 11.07.2003
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